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Qualitäts-Journalismus tut Bildungsnot voll offen legen!

29.11.2017

Alle Jahre wieder schwappt ein besonderer Aspekt des fachdidaktischen Diskurses der Grundschulpädagogik über die Aufmerksamkeitsschwelle der Medien: die Methode „Lesen durch Schreiben“, die in den 1970er Jahren von dem Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen entwickelt wurde. Dieses Thema schwappt aber nicht von alleine hoch, was der Jahre lange unaufgeregte Umgang der betroffenen Elternschaften mit diesem Thema zeigt. Angesichts der inhaltlichen Verkürzung und Verzerrung des Gegenstandes darf man vermuten, dass es nicht um die Beförderung eines fachwissenschaftlichen Diskurses geht, sondern dass die immer wieder neu angefachte Diskussion anderen Zwecken dient.

Gedanken zu einer Kampagne von CDU, Bild-Zeitung und AFD von Klaus Schabronat und Sabine Müller, beide GEW Koblenz-Mayen 2016 hat die CDU im rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf eine Kritik an der von ihr „Schreiben nach Gehör“ genannten Methode für einen Versuch genutzt, damit beim Wähler gegen die Bildungspolitik der Landesregierung zu punkten. Aktuell ist es eine Allianz aus den Landtagsfraktionen von AFD und CDU heraus sowie der Bild-Zeitung, die dieses Thema wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und zu skandalisieren versucht.

Schreiben nach Gehör?
Die Essenz der Diskussion um Rechtschreibdidaktik auf der Primarstufe gibt „Bild“ in ihren Ausgaben vom 15. und 16. November wie folgt wieder: 1. Unsere Kinder werden durch diese Methode verunsichert und lernen deshalb nicht richtig Schreiben, manche von ihren vielleicht nie. 2. Betroffene Mütter sind deswegen verärgert oder sogar verzweifelt, auch die Lehrer*innen sind verunsichert. 3. Eine Gegenüberstellung zweier (!) Schönschreibtexte aus dem Jahr 1971 mit einer Vielzahl fehlerhafter Äußerungen heutiger Schüler*innen beweist die Überlegenheit der Rechtschreibdidaktik der Vergangenheit. 4. Fazit: Dieser „Grundschul-Irrsinn“ (Schlagzeile) führt zu „Rechtschreib-Chaos". Die Abrechnung mit dieser Methode wird unter der Fragestellung „Warum heute im Klassenzimmer Restaurant-Lautstränke herrscht ...und andere neue überraschende Schul-Methoden“ (16.11., S. 3) zu einer Abrechnung mit den Zuständen an der Grundschule insgesamt ausgeweitet.Die „schlechten Rechtschreibleistungen“ sind dabei nur der Aufhänger. Gleichfalls wird Stellung bezogen gegen die Lautstärke in den Klassenzimmern, den Englisch-Unterricht (auf Kosten des Fachunterrichts Deutsch), gegen Internetrecherche (statt Schönschrift), Druckschrift (statt Schreibschrift), Freiarbeit („Lernen, was man will“), Vernachlässigung des großen Einmaleins, gegen die Abschaffung von Noten in den ersten Schuljahren sowie das Fehlen von Diktaten, aber auch gegen den Bildungsföderalismus. Der Angriff der „Bild“ richtet sich also gleichzeitig gegen reformpädagogische Ansätze auf der Primarstufe und gegen entsprechende Reformen der letzten Jahre wie gegen das, was sie als Missstände im Bildungssystem, als „Grundschul-Irrsinn“, wahrnimmt und anprangert. Diese Melange insinuiert einen inneren Zusammenhang zwischen beiden Beobachtungen, etwa: Unsere Grundschüler*innen erbringen deswegen so schlechte Leistungen, weil diese Methoden angewendet werden. Denn früher, vor Anwendung dieser Methoden, war die Welt noch in Ordnung und unsere Kinder konnten gut schreiben, wie eine „Lehrerin (92)“ bestätigt (16.11., S. 3).
Das erste Feindbild in diesem Kampf für die Wiederkehr der Verhältnisse der guten alten Zeit ist die Methode „Schreiben nach Gehör“. Bereits diese Verwendung eines verzerrenden Kampfbegriffes dient ihrer Verteuflung. Nirgends, weder in der Berichterstattung der „Bild“ noch in entsprechenden Pressemitteilungen aus den Reihen von CDU und AFD, wird diese Methode inhaltlich angemessen erfasst. Auch daran ist ablesbar, dass es hier nicht zuerst um eine pädagogisch geprägte, inhaltliche Auseinandersetzung gehen kann.Stattdessen wird mit dieser Polemik Stimmung gemacht und Angst geschürt. Die ersten Früchte dieser Kampagne werden von der „Bild“ am 16.11. in zahlreichen Leserbriefen präsentiert, die Beobachtungen und Schlussfolgerungen mit ihr teilen. Die vox populi urteilt entsprechend: „Was für ein Unsinn, für Lehrer und Schüler eine doppelte Belastung...“, „“Wer solch einen Unterricht zulässt bzw. genehmigt, gehört in die Wüste geschickt – zum Sandkörnerzählen. Wie doof muss man sein, um so etwas zu erlauben?“ Eine Leserin äußert die Vermutung, dass die verursachten Schäden in der Fähigkeit zum rechten Schreiben dafür verantwortlich sind, dass unsere Kinder keine Arbeit finden. Wenn das so ist, sollte die GEW-Fachgruppe Grundschulen diesen Impuls aufgreifen und Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung einfach durch mehr Diktate in den ersten Klassen beseitigen.

Lesen durch Schreiben
Lesen durch Schreiben ist eine Methode des selbstgesteuerten Schriftspracherwerbs mit Hilfe einer Anlauttabelle. Schüler*innen ermitteln mithilfe von Anlautbildern die entsprechenden Schriftzeichen und können durch diese Technik alle möglichen Wörter schreiben – so, wie sie sie hören. Jürgen Reichen war der Meinung, dass Kinder sich auf diesem Weg über das Prinzip „Schreiben nach Gehör“ das Lesen selbstständig erschließen können. Der Schreibmotivation geschuldet, werden bei „Lesen durch Schreiben“ Fehler zunächst nicht verbessert. Die Entwicklung weiterer Rechtschreibkompetenz, speziell das Anwenden von Rechtschreibregeln, schließt sich daran an. Reichen erstellte hierzu spezielle Werkstätten zum Sprachunterricht.
Wer diese Methode als „Schreiben nach Gehör“ abqualifiziert, reduziert sie auf ihre erste, wenngleich wesentliche Stufe, nämlich das lautgetreue Schreiben. Genau diese Vorgehensweise, nämlich Wörter so zu schreiben, wie man sie hört, wird selbst von der entschiedenen Kritikerin Reichens, Renate Valtin, als notwendige Stufe im Schriftspracherwerb angesehen. Ohne Schreiben nach Gehör ist Schriftspracherwerb nicht möglich. Erstklässler erwerben mit dieser Kompetenz eine der wesentlichen Grundlagen auf dem Weg zur sicheren Rechtschreibung, denn man führe sich vor Augen (oder besser: vor Ohren), dass die deutsche Rechtschreibung auf der (weitgehenden) Äquivalenz ihrer graphischen und phonetischen Elemente beruht. Der Name der Buchstaben entspricht ihrem Klang. So sprechen wir das Gelesene aus und so schreiben wir weitgehend das, was wir hören.
In der schulischen Praxis ist „Lesen durch Schreiben“ nur eine Methode von vielen. Es gibt kaum Lehrende, die ausschließlich mit dieser Methode arbeiten; in der Regel wird mit einem Schreiblehrgang gearbeitet, in dem das Prinzip der Anlauttabelle und damit des „Schreibens nach Gehör“ als einen Baustein im Schriftspracherwerb genutzt wird. Parallel dazu werden ein Grundwortschatz und Rechtschreibregeln erarbeitet – als eine viel weiter verbreitete Methodenkombination des Schriftspracherwerbs, die man als Freies Schreiben bezeichnen kann.
Die von „Bild“, CDU und AFD formulierte Kritik an einem konstruierten Feindbild „Schreiben nach Gehör“ beinhaltet also eine mehrfache Verzeichnung und Verzerrung. Sicherlich dient dies nicht der sachlichen Erörterung ihres Nutzens.

Schreiben wie die „Bild“-Zeitung?
Wie sich dieses Periodikum eine angemessene Verwendung der Sprache vorstellt, die sie vor reformpädagogischen Ansätzen schützen will, ist ihrer Berichterstattung und ihrem eigenen Sprachgebrauch zu entnehmen.
Guter Deutschunterricht führt in der „Bild“ letztendlich zu guten Zeitungsberichten wie „Bridge-Buben wegen Schummel-Husten vor Gericht“ – immerhin die Präsentation einer Nachricht, die dem Publikum von allen anderen Medien feige vorenthalten wurde. Die fehlende Flektion des Hustens liegt gewiss am Deutschunterricht in der Grundschule des Redakteurs (mögliche Bild-Schlagzeile: „Grundschule vernachlässigt Kasus: Ihrwegen auf Irrwegen“). Auf Seite 4 werden nackte junge Frauen abgelichtet, natürlich nur, weil sie „Hüllenlos-Promis“ sind, also aus Gründen der ganzheitlichen Berichterstattung. Nur „Djamila Rove (50)“, ist mit ihren Brüsten „immer noch nicht zufrieden“ und muss sich fragen lassen: „Oder warum sonst verhüllt sie bei den Insel-Interviews ihren Busen mit ihrem langen Haar?“ Denn damit verletzt sie schließlich ein sachliches Informationsbedürfnis der „Bild“-Leserschaft.
Guter Deutschunterricht führt in der „Bild“ zu solchen Erkenntnissen eines investigativen Journalismus wie „Nach BILD-Informationen ist völlig unklar, warum der Täter die Leiche dort ablegte“ (17.11., S. 6), im Klartext: „unseres Wissens wissen wir nichts“, oder einer ironische Feststellung zum Thema wie „Schreiben nach Gehör produziert teils wirklich wundervolle Wort-Kreationen“ (16.11., S. 3), wobei unklar bleibt, was nur teilweise wunderbar ist, diese Formulierungen oder ihre Wirklichkeit.
Guter Deutschunterricht führt in der „Bild“ zu einem rhetorischen Feuerwerk von Paronomasien wie „NACKTrichten“, „SCHUH-mrig“, „REHges Treiben“ oder „KRATERstrophe“, die vielleicht nicht immer ganz richtig geschrieben, dafür aber teils wirklich wunderbare Wort-Kreationen sind. Ein Foto, das die beiden „Hüllenlos-Promis“ Hoppe und Haase nackt aufeinander abgebildet zeigt, enthält eine Bildunterschrift mit dem feinsinnigen Wortspiel „Die Haase beim HOPPE-HOPPE-Reiterspiel“. Das ist angewandte Rhetorik! So etwas muss Deutschunterricht bewirken! Damit die subtilen Pointen nicht verloren gehen, werden sie in kreativer Auslegung der Rechtschreibregeln in Kapitälchen hervorgehoben.
Guter Deutschunterricht lässt in der „Bild“ aus einem versehentlich abgegebenen Schuss einen „versehentlichen Schuss“ werden (mögliche Bild-Schlagzeile: „Revolverblatt kann Adjektive und Adverbien echt nicht unterscheiden!“) und Diebe „klauen“ Whiskey im Werte von 650.000 bis 700.000 € (mögliche Bild-Schlagzeile: „Nichts wie Umgangsprache! Was tut die Grundschule unseren Redakteuren voll an?“). Und den Eltern wird im Umgang mit den Minderleistungen ihrer Kinder empfohlen: „Schmunzeln statt korrigieren“ (mögliche Bild-Schlagzeile: „Redakteure vergessen Präpositionen gebrauchen“).
Die sprachlichen Mängel in der Redaktion dieses Blattes aber können kein Ergebnis der angeprangerten Reformpolitik in der Grundschule sein, da einige Texte nicht so wirken, als seien sie von Grundschülern geschrieben worden. Es muss also noch weitere Ursachen für die beklagten Zustände geben, die nicht der Reformpädagogik angelastet werden können.

Reaktion contra Reformpädagogik
Natürlich ist es erlaubt Methoden zu kritisieren, gegen die man aus Sicht des Deutschunterrichts durchaus fachliche Einwände erheben kann. Aber diese methodischen Einwände werden gar nicht erhoben, sondern es wird ein Feindbild bekämpft, das eigentlich keine Entsprechung in der Wirklichkeit hat und nur als Konstruktion seiner Gegner existiert. Was also provoziert die Vehemenz und Erbitterung, mit der dieser Widerspruch immer wieder vorgetragen wird?
Sicherlich gilt dieser Kampf der Reformpädagogik insgesamt. An dieser Stelle werden – natürlich ohne es explizit zu sagen – bestimmte Lern- und Erziehungsziele als Ergebnis einer seit den siebziger Jahren gewandelten gesellschaftlichen Konvention attackiert. Im Prinzip geht es gegen die Gewichtszunahme individueller Förderung und emanzipatorischer Lernziele zu Ungunsten „klassischer deutscher“ Lernziele wie Gehorsam, Disziplin, Korpsgeist. Das Schwinden derer gesellschaftlichen Relevanz wird von manchen als einher gehend mit einem allgemeinen Kultur- und Sittenverfall betrachtet, der sich auch im Nachlassen bei anderen Hochwertzielen wie Rechtschreibfähigkeit, Ruhe und Ordnung im Klassenzimmer, Schönschrift (s.o.) äußert – eine Haltung, die sich als konservativ ausgibt. Dabei wird übersehen, dass sich Schule mit einer sich wandelnden gesellschaftlichen Aufgabe ebenfalls wandeln muss und dass der Verfolg emanzipatorischer Erziehungsziele entsprechende Methoden erfordert. Einen mündigen Schüler, der Selbstbestimmung in sozialer Verantwortung übt, erzieht man nicht mehr durch Pauken, durch Disziplin und Strammstehen. Und wer keine mündigen Individuen mit der Möglichkeit zu Widerspruch und Selbstbestimmung, die den alten, gesellschaftlich vereinbarten Erziehungszielen widersprechen kann, will, der benötigt auch keine vergleichsweise komplexen reformpädagogischen Ansätze, die reine Leistung dadurch relativieren, dass sie auf Sozial, Selbst- und Methodenkompetenz sowie intrinsische Motivation abzielen.
So kann man seine Ablehnung emanzipatorischer Lernziele in Kritik an einer Lernmethode verpacken. Dass Eltern ihre Verantwortung für eigene Versäumnisse auch darauf abwälzen, Populisten damit auf billige Weise punkten können und dass es billiger ist, gegen eine Methode zu kämpfen als zur Behebung tatsächlicher Missstände in Bildung zu investieren, befördert diese Kritik, wie wir sehen können, zusätzlich.

Was kann man tatsächlich gegen die beklagten Missstände tun?
Leistungen und Mängel unseres Schulsystems gehören fortlaufend auf den Prüfstand.
Die Beschreibung der Mängel sollte dabei aber in einem ganzheitlichen Blick auf das System erfolgen (und nicht einem isolierten Blick auf einen konstruierten Sündenbock) und lösungsorientiert sein. Wenn man die Situation an den Grundschulen insgesamt in den Blick nimmt, ist festzustellen, dass die zu bewältigenden Schwierigkeiten und die gesellschaftlichen Anforderungen an die Primarstufe gewachsen sind, ohne dass die Mittel (Zeit und vor allem Personal) zu ihrer Bewältigung entsprechend mitgewachsen sind: die Schülerschaft wird heterogener, der Anteil derer mit Förderbedarf wächst, gleichzeitig wächst die Zahl der ins Regelschulsystem zu inkludierenden beeinträchtigten  Schüler*innen und durch frühere Einschulung werden Erstklässler immer jünger. Hinzu kamen und kommen neue Inhalte, wie frühes Fremdsprachenlernen, neue Medien, für die es weder mehr Zeit noch eine Entschlackung bestehender Inhalte gibt. Grundschulpädagog*innen sind zunehmend als Kinderpsychologen, Sozialarbeiter, Integrationsfachkräfte gefordert und bleiben mit diesen zusätzlichen Anforderungen oftmals ohne systemische Unterstützung. Zusätzlich zu gewachsenen Anforderungen und Arbeitsverdichtung wächst der Verwaltungsaufwand, die Verpflichtung zur Dokumentation individueller Lernstandsentwicklung. Die Zusammenlegung kleinerer Grundschulen, das gegenüber ihrer Schließung kleinere Übel, führt zu einer Reduzierung von Verwaltungsstunden in den Schulsekretariaten und belastet die Kollegien, insbesondere die Schulleitungen zusätzlich. So wird die Tätigkeit als Grundschullehrkraft immer weniger attraktiv und führt letztendlich zu einem Fachkräftemangel, dem nicht durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und einer Anpassung der Eingangsbesoldung an die von Lehrkräften an anderen Schulformen abgeholfen wird. Dies passt trotz vollmundiger Ankündigungen der Bildungspolitiker aller Regierungsparteien, mehr in die Bildung unserer Kinder investieren zu wollen, zu der tatsächlichen Sparpolitik, der die Grundschulen unterworfen sind.
An dieser Stelle liegt ein Ansatzpunkt für Verbesserungen. Wer nicht von kleineren Klassen und mehr Förderstunden, von Doppelbesetzungen - und von besseren Arbeitsbedingungen und Löhnen für Grundschullehrkräfte reden will, weil das zuviel Geld kostet, und stattdessen lieber eine Sparpolitik auf Kosten der an Grundschulen Lernenden und Lehrenden betreibt, der sollte von Rechtschreibdidaktik schweigen.
Man könnte dem beklagten Zustand sinnvoll mit Investitionen ins System begegnen. Stattdessen verspricht man sich von der Rückgängigmachung von Reformen das Erreichen von Ergebnissen der guten alten Zeit, die es so gar nicht gegeben hat, sondern nur als nachträglich idealisierten Zustand. Daran kann man ablesen, wie viel selbst ernannte Bildungsexperten von fachdidaktischer Theorie und der alltäglichen Praxis an unseren Grundschulen verstehen.

Klaus Schabronat,
Deutschlehrer am Bertha von Suttner-Gymnasium Andernach

Sabine Müller,
Rektorin und Lehrerin
an der Grundschule Am Löwentor Koblenz

 

 

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