GEW Rheinland-Pfalz
Du bist hier:

Interkulturelle Bildung und Mehrsprachigkeit

In einer Pressekonferenz in Mainz erläuterte die GEW Rheinland-Pfalz ihre Forderung für eine gelingende Integrationspolitik und legte dabei den Schwerpunkt auf den Spracherwerb.

24.03.2016 - Paul Schwarz - aus GEW Zeitung 4/2016

GEW-Vorsitzender Klaus-Peter Hammer hob die Chance der Interkulturalität hervor und unterstrich die Bedeutung der Mehrsprachigkeit für unser Land. Er wehrte sich gegen CDU-Pläne, den Herkunftssprachen-Unterricht abzuschaffen. „Herkunfts- und Fremdsprache müssen gleichrangig behandelt werden, damit Integration gelingt“. Dafür bräuchten wir freilich mehr Personal. Wissenschaftliche Untersuchungen untermauerten, dass das korrekte Erlernen der eigenen Herkunftssprache für den Erwerb weiterer Sprachen außerordentlich förderlich sei, wenn nicht gar Voraussetzung ist. „Wenn wir also völlig zu Recht davon ausgehen“, so Klaus-Peter Hammer, „dass das Erlernen der deutschen Sprache eine zentrale Rolle für eine gelingende Integration von Flüchtlingen ist, dürfen wir den Herkunftssprachenunterricht nicht in Frage stellen, sondern müssen die bestehenden Angebote deutlich ausbauen“.

Prof. Otto Filtzinger vom „Institut für interkulturelle Pädagogik“ in Mainz charakterisierte das neue Deutschland. Es sei von der Globalisierung geprägt und national, religiös, sprachlich sehr vielfältig geworden. „Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft, ob man es mag oder nicht“. Alle in unserer Gesellschaft müssten sich mit der Vielfalt vertraut machen und Interkulturalität als Dialog begreifen. „Die Mehrsprachigkeit ist Teil unserer Gesellschaft“, sagte Filtzinger. Als Ziel nannte er die Fähigkeit eines jeden, drei Sprache zu sprechen - „ein kultureller und kognitiver Mehrwert“. Im Schulbereich bräuchten wir daher mehr interkulturelles Personal und mehr Fachkräfte für die Sprachvermittlung auf unterschiedlichen Ebenen. „Es fehlt ein integratives Gesamtkonzept für die interkulturelle Schule und die Ausbildung mit mehrsprachigem Fachpersonal.“

Peimaneh Nemazi-Lofink, Leiterin des Vorstandsbereichs Interkulturelle Angelegenheiten der GEW-Rheinland-Pfalz, sieht den starken Flüchtlingsstrom als Herausforderung und Chance. Viele Kinder, die zu uns kommen, hätten Probleme mit der Herkunftssprache. „Deshalb brauchen wir ausreichende Module in der interkulturellen Bildung“. Die Herkunftssprache müsse versetzungsrelevant sein und vormittags stattfinden. Dann würde die Akzeptanz des Herkunftssprachenangebots auch steigen. „Es geht um mehrsprachliche Ausbildung, nicht um bilingualen Sprachunterricht“, ergänzte Prof. Filtzinger.
Und für die fremden Sprachen, ob Herkunfts- oder Deutsch als Fremdsprache, bräuchten wir in der Lehrerausbildung mehr Module und mehr Studiengänge an den Hochschulen, forderte ein Teilnehmer der Pressekonferenz. Es sei eine Schande, so meinte er, dass Deutschland seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland sei, sich dies aber bisher kaum in der Lehreraus- und -fortbildung niedergeschlagen habe. Für jeden Lehrerstudiengang müssten DaF oder DaF-Module verbindlich sein.

Stefano Lucifero, Lehrer für Italienisch, nannte seine Muttersprache eine „Brücke zu Italien“.  Italienisch habe ihm aber auch beim Erwerb des Deutschen sehr geholfen. Die Herkunftssprache sei auch wichtig für die eigene Identität. Heute ist Lucifero an einem Gymnasium Sprachlehrer, in Italien hat er Deutsch als Fremdsprache unterrichtet.

Alessandro Novellino vom Leitungsteam der Fachgruppe Sozialpädagogische Berufe betonte die Relevanz von Sprache in der Kita, sie sei ein Spiegel des sozialkulturellen Raums. „Wir müssen wegkommen vom defizitorientierten Fremdsprachenunterricht in den Kitas hin zur interkulturellen, sprachlich ausgerichteten Ausbildung der Kleinkinder“.
Die ErzieherInnenausbildung müsste sowohl die Herkunfts- als auch Deutsch als Zweitsprache stärker in den Blick nehmen.

Beyhan Güler, Vorsitzende der Fachgruppe Interkulturelle Angelegenheiten der GEW Rheinland-Pfalz, sagte, dass die Mehrsprachigkeit in Europa zum Leben dazu gehöre. Wenn man Türen öffnen möchte, dann durch die Sprache. Sie forderte, dass der Herkunftssprachunterricht gestärkt werde. „Ich möchte als Brückenbauer in meiner Brennpunktschule weiterarbeiten“. Sie plädierte auch für eine bessere Bezahlung der Herkunftssprachlehrer*Innen und lobte ein Gymnasium in Koblenz, wo Türkisch angeboten und auch zertifiziert werde.

Nach Ansicht der GEW, so Klaus-Peter Hammer am Schluss der Pressekonferenz, sei Förderung der Mehrsprachigkeit nicht nur eine wichtige Aufgabe für die Politik, sondern stelle darüber hinaus eine entscheidende Herausforderung für das Lehrpersonal an Schulen dar. „Die betroffenen Lehrkräfte fungieren nicht nur als Brückenbauer, sondern auch als Übersetzer, Sozialarbeiter und zeigen den Schülerinnen und Schülern Wege auf.“ Auch die Arbeitssituation der betroffenen Lehrkräfte müsse dringend verbessert werden. So werde ihnen seit Jahren eine angemessene Vergütung vorenthalten, und die meisten Lehrkräfte arbeiteten an mehreren Schulen und müssten in der Woche nicht selten mehr als 1000 km fahren, was auch eine Integration in das Lehrerkollegium schwierig mache.

Zurück