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100 Jahre GrundschuleNach vier Jahren darf nicht Schluss sein

Mit einem Kongress in Frankfurt am Main feierte der Grundschulverband (GSV) im September 100 Jahre Grundschule. Im Mittelpunkt stand die Forderung nach längerem gemeinsamen Lernen – in einer inklusiven Schule für alle Kinder.

22.11.2019 - Katrin Hedtke, freie Journalistin

Kinder sangen im Kanon, Blumen schmückten die Bühne: Der Gründung der ersten Grundschulen in Deutschland vor 100 Jahren wurde festlich gedacht. Viele Reden erinnerten an das Versprechen der Weimarer Republik von 1919: Erstmals sollten alle Kinder gemeinsam in eine Schule gehen, unabhängig von Status oder Religion ihrer Eltern. Zumindest vier Jahre lang. Während des Kongresses des GSV mit knapp 900 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde immer wieder die Forderung nach längerem gemeinsamen Lernen laut – und zwar wirklich für alle Schülerinnen und Schüler. In ihrer Festrede kritisierte GSV-Vorsitzende Maresi Lassek, dass die Kinder beim Übergang in die Sekundarstufe nach wie vor in nicht gleichwertige Bildungsgänge aufgeteilt würden. Dabei wirkten die Mechanismen sozialer Benachteiligung auch nach 100 Jahren noch.

Während des Festaktes in der Frankfurter Paulskirche würdigte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Grundschule als zentral für den Zusammenhalt der Gesellschaft: „Hier werden die Weichen gestellt für die Zukunft unserer Demokratie.“ Das Staatsoberhaupt bekundete seinen „Riesenrespekt“ vor der Arbeit der Lehrkräfte. Steinmeier verwies auf die wachsende soziale Trennung in vielen Großstädten, die sich in den Grundschulen widerspiegele. Er kritisierte, dass der Bildungserfolg in Deutschland stark von der sozialen Herkunft abhänge, mehr als in vielen anderen industrialisierten Staaten.

Vor Diskriminierung schützen

Wie mehr Chancengleichheit erreicht werden kann, war ein zentrales Thema der anschließenden Tagung an der Frankfurter Goethe-Universität. Ein Zukunftsforum diskutierte zum Beispiel die Frage: „Noch 100 Jahre nur 1 bis 4? Wie inklusive Schule Wirklichkeit werden kann.“ Ein Bündnis aus verschiedenen Verbänden und Vereinen – darunter die GEW – macht sich stark für längeres gemeinsames Lernen in einer Schule für alle. „Was immer wieder vergessen wird: Eine Schule für alle gab es nie“, sagte Kerstin Merz-Atalik, Professorin für Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung sowie Inklusion an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Schon immer seien Kinder in Sonderschulen geschickt worden. Und nur in zwei Bundesländern – Berlin und Brandenburg – gebe es eine sechsjährige Grundschulzeit. Ulla Widmer-Rockstroh vom Grundschulverband verwies auf die UN-Kinderrechtskonvention, derzufolge die Schule für das Wohl jedes Kindes verantwortlich sei – und fragte, ob es wirklich den Kindern diene, zu Schulversagern erklärt, als behindert etikettiert oder getrennt von anderen in Sonderschulen beziehungsweise separaten Oberschulen unterrichtet zu werden. 

GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann betonte: „Grundschule ist Vielfalt.“ Insofern sei Inklusion nichts Neues, sondern biete lediglich die Chance, besser und professioneller mit Vielfalt umzugehen. Dabei stelle sich die Frage, so die Gewerkschafterin, ob es tatsächlich getrennte Studiengänge für das Lehramt an Haupt- und Real- sowie Förderschule brauche. „Ist das wirklich zuträglich? Oder schafft es eine Schere im Kopf?“ Um sich bei der Vielfalt der Anforderungen behaupten zu können, brauchten Lehrkräfte einen Kompass, fügte die Gewerkschafterin hinzu. Dabei zähle nur eins: „Das Kind als Individuum mit dem, was es mitbringt.“ Alle anderen Aufgaben seien dagegen zweitrangig. Dafür brauche es ein gewisses Maß an „professionellem Ungehorsam“, so Hoffmann.

Mit Blick auf die Trennung der Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe sprach Brigitte Schumann vom nordrhein-westfälischen Bündnis „Eine Schule für alle“ von einem „Apartheidssystem“ – und warnte vor den Folgen. Sie verwies darauf, dass dem Datenreport 2018 zufolge 64,2 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Gymnasien aus Akademikerfamilien kamen, lediglich 1,6 Prozent hatten Eltern ohne Schulabschluss und 7,1 Prozent solche mit Hauptschulabschluss.

Während des Kongresses, mit dem der GSV zugleich sein 50-jähriges Bestehen feierte, spielten auch Themen wie Lehrkräftemangel und Arbeitsbelastung eine große Rolle, ebenso die Kritik an Noten. Auf dem Programm standen 25 Vorträge und über 50 Arbeitsgruppen. Mehrere Redebeiträge verwiesen auf eine Studie der Bertelsmann Stiftung, derzufolge der Personalmangel an Grundschulen noch dramatischer ausfallen werde als erwartet. Der Prognose nach könnten dort 2025 mehr als 26.000 Lehrkräfte fehlen. Eine Frage auf dem Kongress lautete, wie mit Quereinsteigern umgegangen werden solle. „Sie können für Schulen bereichernd sein“, sagte Lassek. Allerdings könne der Seiteneinstieg nur gelingen, wenn die neuen Kolleginnen und Kollegen ausreichend unterstützt würden.

Steigende Arbeitsbelastung

In ihrem Vortrag wies die Pädagogikprofessorin Susanne Miller von der Uni Bielefeld daraufhin hin, dass einer aktuellen Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge im Schuljahr 2017/18 der Anteil von Seitensteigern bei den Neueinstellungen in Sachsen 46,6 Prozent betrug, in Berlin lag die Quote der Quereinsteiger bei 41,5 Prozent. Hinzu komme ein weiteres Problem: Gut ausgebildete Lehrkräfte mieden Schulen in sozialen Brennpunkten. In Berlin zum Beispiel sei der Anteil an Quersteigern an diesen Schulen doppelt so hoch. Welche Folgen eine mangelnde pädagogische Ausbildung haben kann, machte eine Journalistin aus dem Publikum deutlich, die für eine Dokumentation zwölf Wochen als Vertretungslehrerin an einer sogenannten Brennpunktschule unterrichtet hat. „Ich bin vom Zehnmeterbrett in einen kalten Pool gesprungen.“ Sie sei fast ausschließlich damit beschäftigt gewesen, dass ihr die Kinder überhaupt zuhörten. Dabei sei die Gefahr groß, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf verlorengingen, warnte sie. Schlimm sei auch die Erkenntnis, dass sie nicht mal Anspruch auf Qualifizierung gehabt habe. Ihr Fazit: „Ich bin gescheitert.“

Auch die steigende Arbeitsbelastung der Lehrkräfte sorgte für Debatten. Der Pädagoge Helmut Zachau vom Institut für interdisziplinäre Schulforschung in Bremen betonte in seinem Vortrag, dass vor allem Noten für Stress an Grundschulen sorgten. In einem Fragebogen nannten Lehrkräfte Benotung und Zeugnisse als Hauptursache sowohl für zeitliche als auch psychische Belastung. „In der Notengebung in Grundschulen steckt ein tiefer Konflikt“, sagte der Wissenschaftler. Ganz unterschiedliche Schülerinnen und Schüler kämen in die Schule. Die Lehrkräfte arbeiteten mit ihnen, freuten sich über Lernfortschritte. Doch beurteilen müssten sie die Kinder nach standardisierten Prozessen, die nicht deren Entwicklung wiedergäben. „Daran verzweifeln Grundschullehrkräfte“, so Zachau. Hinzu kämen immer mehr Aufgaben. Lehrkräfte klagten, dass vor allem Beurteilungen und Diagnostiken zu viel Zeit kosteten. „Die strukturelle Überforderung hat Konsequenzen.“ Jede fünfte Lehrkraft sei in fachärztlicher Behandlung, jede dritte von Burnout bedroht. In Niedersachsen erreichten weniger als 20 Prozent das gesetzliche Pensions- bzw. Rentenalter.

GEW-Vorstandsmitglied Hoffmann machte vor allem die hohe Unterrichtsverpflichtung für die Belastung verantwortlich: „28 Stunden in Grundschulen, das geht nicht mehr.“ International liege der Schnitt bei 20 Stunden. „Inklusion ist nicht verhandelbar“, betonte Hoffmann. „Die Frage der Zeit schon.“ Das sei auch wichtig mit Blick auf den Lehrkräftemangel. „Damit die Lehrkräfte, die da sind, nicht verschleißen. Sonst wird die Lücke noch größer.“

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