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Organisation der HochschulenSägen am Lehrstuhl

Kritische Stimmen im Wissenschaftsbetrieb halten die Organisationsstruktur der deutschen Hochschulen für überholt und wollen das Lehrstuhlprinzip durch das vor allem in den angelsächsischen Ländern verbreitete Department-Modell ersetzen.

21.07.2021 - Joshua Schultheis, Redaktion bbz – Berliner Bildungszeitschrift der GEW Berlin

Das Für und Wider wurde in einer Online-Diskussion – organisiert von GEW, ver.di und der Initiative „Frist ist Frust“ – abgewogen

Tilman Reitz kann dem Lehrstuhlprinzip nichts abgewinnen. Er hat es zwar mittlerweile selbst zum ordentlichen Professor in Jena gebracht, auf dem Weg dorthin aber so viele schlechte Erfahrungen mit dem Organisationsprinzip deutscher Hochschulen gesammelt, dass er dieses am liebsten durch ein ganz anderes ersetzt sähe.

Das aktuell herrschende „Lehrstuhlprinzip“ bedeutet, dass es einige wenige Lehrstuhlinhaberinnen und -inhaber gibt, die gut besoldet weitestgehend ungestört forschen und lehren können. Für viele andere in der akademischen Wissenschaft gilt dagegen, dass sie befristet angestellt sind und in Abhängigkeit zu ihren vorgesetzten Professorinnen oder Professoren stehen. Reitz ist überzeugt, dass dies nicht nur zahlreiche junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in eine untragbar prekäre Berufslage bringt, sondern auch der Qualität von Forschung und Lehre schadet.

Department-Struktur

Dem Modell, in dem Macht und Mittel stark konzentriert sind, stellt Reitz die Department-Struktur gegenüber. Die Idee: Für bereits promovierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bietet die Hochschule grundsätzlich unbefristete Arbeitsverhältnisse – Tenure-Track*- oder Dauerstellen – an; ausgeprägte Hierarchien soll es keine mehr geben, Organisationsmittelpunkt der Wissenschaft wird nicht mehr der Lehrstuhl, sondern das Institut (Department) sein. Gleichzeitig glaubt Reitz, dass wieder stärker auf eine Grundfinanzierung der Hochschulen gesetzt werden sollte, da die Zuteilung von Forschungsgeldern durch wettbewerbsähnliche Ausschreibungen Innovation sowie Forschungs- und Lehrfreiheit behindert.

Weniger Promotionen

Die Gegenseite, an diesem Abend repräsentiert vom Präsidenten der Universität Potsdam, Oliver Günther, hatte es nicht leicht bei diesen überzeugend vorgetragenen Argumenten und einem Publikum, das während der Debatte über die Chatfunktion seine Sympathien für Reitz‘ Position klar kundtat. Günther machte denn auch von Anfang an deutlich, dass er nicht für das seiner Meinung nach an vielen Stellen überholte Lehrstuhlprinzip steht. Auch er findet, dass die Praxis der Kettenbefristung der Wissenschaft mehr schadet als nutzt. Allerdings gibt es seiner Ansicht nach mit dem Tenure-Track-Modell bereits mehr Planungssicherheit und Unabhängigkeit für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Zudem sollte auch die Zahl der Promotionen reduziert werden und denjenigen, die für die Wissenschaft nicht geeignet sind, frühzeitig der Ausstieg nahegelegt werden. Zudem ist Günther davon überzeugt, dass es nicht für jede Disziplin, für jedes Institut die eine richtige Lösung gibt. Er wünscht sich, dass es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst überlassen wird, zu wählen, welche Organisationsform die beste für sie ist.

Nach einem zweistündigen Austausch räumte Reitz ein, dass viele seiner Positionen gar nicht so weit weg von denen Günthers sind. Einen ganz entscheidenden Unterschied gebe es aber: Während Günther der Meinung sei, im Großen und Ganzen bewegten sich die deutschen Hochschulen in die richtige Richtung, glaube er, dass nur eine umfassende Reform das Ruder noch -herumreißen könne.

*Tenure-Track-Professuren sollen dem wissenschaftlichen Nachwuchs eine verlässliche berufliche Perspektive bieten. Die Wissenschaftlerin oder der Wissenschaftler wird zwar zunächst nur befristet eingestellt, erhält aber – nach erfolg-reicher Bewährungsphase („Tenure Track“) – unmittelbar im Anschluss eine dauerhafte Professur.