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Interview zur beruflichen Realität im JugendamtHohe Fallzahlen – wenig Zeit – großer Druck

Kontakt mit dem Jugendamt gehört für jede Fachkraft aus Bildungs- und Erziehungseinrichtungen mittlerweile zum Alltag. „Nie erreiche ich jemanden im Jugendamt!“ oder „Das Kind braucht dringend Hilfe und das Jugendamt macht nichts!“ sind gelegentlich entnervte und wütende Kommentare vieler LehrerInnen und ErzieherInnen. Doch unter welchen Bedingungen

arbeiten unsere KollegInnen im Allgemeinen Sozialen Dienst? Was genau gehört zu ihren Aufgaben? Die berufliche Realität im Jugendamt kennen die wenigsten. Prof. Dr. Kathinka Beckmann und ihr Team zeigen mit ihrer bundesweit beachteten Studie ein repräsentatives Bild von Belastungen und strukturellen Zwängen im ASD. Sie stärken damit die Stimme eines Arbeitsbereichs, der täglich mit viel Verantwortung, anspruchsvollen Aufgaben und knappen Ressourcen umgehen muss.

03.09.2018 - Maria Schäfer

Wie entstand die Idee, die Arbeitsbedingungen in Jugendämtern zu untersuchen?
Ehlting: Medial erfährt das Jugendamt häufig eher negative Aufmerksamkeit, in Fällen in denen „etwas schief gegangen ist“. Es wird geurteilt und bewertet in Berichten über „Versagen“, über „Fehler“ oder „Schuld“. Die jedoch der reale Arbeitsalltag von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im ASD aussieht, wo und unter welchen Bedingungen sie arbeiten, welche Aufgaben sie haben, das wissen die wenigsten.

Klaes: Die Idee der Studie war dann, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Stimme zu geben. Statt weiter über sie zu sprechen, wollten wir mit ihnen sprechen. Ziel ist, die Stimme der Basis zu nutzen, um einerseits ein realistischeres Bild der Arbeit im Jugendamt öffentlich zu machen und gleichzeitig Fachkräfte zu ermutigen, über die Bedeutung ihrer Arbeit zu sprechen.

 

652 Fachkräfte aus 175 Jugendämtern, deutschlandweit, wurden befragt. Wie haben sie es geschafft, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Teilnahme an der Studie zu motivieren?
Ehlting: Mein Eindruck war, dass die Fachkräfte schnell gemerkt haben: Bei dieser Studie geht es nicht darum, Vorwürfe zu erheben oder Fehler zu suchen, sondern wirklich um ihre Arbeitsrealität.

Klaes: Wahrscheinlich haben sich viele Fachkräfte „abgeholt“ gefühlt, da das Anschreiben zum Fragebogen von den Initiatorinnen, dem Jugendamt Berlin-Mitte, ausging. Da wurde deutlich: Wir haben ein ehrliches Interesse aufzuzeigen, unter welchen Arbeitsbedingungen im ASD gearbeitet wird.

Welche Belastungen wurden am häufigsten genannt?
Ehlting: Ein massiver Teil sind die Höhe der Fallzahlen, sowie die Dokumentationspflicht. Ein Teufelskreis für die Fachkräfte. Einerseits müssen sie zur eigenen, rechtlichen Absicherung ihrer Arbeit jeden kleinsten Schritt dokumentieren. Zum anderen steigt – durch die hohen Fallzahlen – der Zeitdruck, dieser Dokumentationspflicht nachzukommen. Im Ergebnis fehlt es an wertvoller Zeit für den direkten Kontakt zu Eltern, Kindern und Fachkräften. Dieser aber ist dringend notwendig, um Gefahren im Sinne des Kindeswohls gut einzuschätzen und richtige Hilfen zu finden.

Gab es große Unterschiede bezüglich der Verteilung von Belastungsfaktoren zwischen den Bundesländern?
Ehlting: Nein, im Gegenteil. Es lassen sich weder Wechselbeziehungen zwischen einer hohen bzw. niedrigen Belastung im ASD und den Bundesländern, Ost- im Vergleich zu Westdeutschland oder Großstädte
im Vergleich zu ländlichen Regionen beobachten. Das zeigt, wie individuell die einzelnen Jugendämter sind. Genauso verhält es sich auch mit der Unterschiedlichkeit der Aufgaben und Zuständigkeiten der ASD Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Angefangen von Sorgerechtsberatung über Obdachlosenhilfe bis zur Beratung bedürftiger, älterer Menschen begegneten uns teilweise Aufgaben, von denen wir selbst nie ahnten, dass sie zur Arbeit eines Jugendamtes gehören.
Klaes: Die Unterschiede beginnen manchmal schon innerhalb eines einzelnen Jugendamts. Wir haben festgestellt, jedes Jugendamt hat seine eigene Struktur und unterschiedliche Ressourcen, ihre Fachkräfte auszustatten. So kann es beispielsweise vorkommen, dass eine Mitarbeiterin den sozialen Brennpunktstadtteil betreut und für doppelt so viele Familien zuständig ist wie ein Kollege, der mit dem reichen Vorstadtteil weniger zu tun hat.

Kann man auf einen Zusammenhang zwischen der Haushaltslage einer Kommune und den Arbeitsbedingungen der jeweiligen Jugendämter schließen? Kann man sagen, je besser die Haushaltslage desto geringer die Belastungen?
Klaes: Die Kassenlage macht sich laut Aussagen der Befragten vor allem bei den Entscheidungen über Hilfeanträge bemerkbar. Die Abteilung der wirtschaftlichen Jugendhilfe hat nicht selten ein starkes Mitspracherecht. Das kann dazu führen, dass das Kriterium, wieviel eine Hilfemaßnahme kostet, wichtiger wird als die Frage, welchen sozialpädagogischen Sinn sie für die Hilfesuchenden hat.
Ehlting: Da wir den Befragten absolute Anonymität zugesagt haben, konnten wir letztlich die Belastungsfaktoren nicht mit den konkreten Kassenlagen der einzelnen Kommunen vergleichen. Durch die hohe
Zahl an Befragten konnten wir dennoch einige Rückschlüsse in Bezug auf die Auswirkungen der kommunalen Haushaltslage ziehen. Viele Fachkräfte berichteten: wenn sie eine Hilfemaßnahme wirklich gut begründen können, bekommen sie sie auch genehmigt. Seine Entscheidung gut zu begründen ist für mich grundsätzlich eine Voraussetzung für professionelles Arbeiten. Ein kritischer Blick ist meines Erachtens jedoch in Fällen notwendig, in denen die ASD-Fachkraft nicht die letzte Entscheidungsbefugnis hat. Wenn ein Bürgermeister oder die Abteilung der wirtschaftlichen Jugendhilfe eine Einrichtung ablehnen, weil sie „zu teuer“ ist, obwohl die fallführende Mitarbeiterin im ASD diese Einrichtung für fachlich passend oder gar notwendig hält, entsteht ein Dilemma für die Fachkraft . Von ihr wird dann erwartet, eine Maßnahme zu verantworten, die sie im schlimmsten Fall aus fachlicher Sicht als verantwortungslos einschätzt. Ganz davon abgesehen wird das gesetzliche Mitspracherecht der Eltern und Kinder, die Hilfe suchen, untergraben.

 

Ist abzusehen, wie sich die Arbeit im ASD unter den jetzigen Belastungen entwickeln wird, sollten sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessern?
Klaes: Ich denke, dass sich der Teufelskreis aus hoher Fluktuation und höherer Arbeitsbelastung immer schneller drehen wird, wenn sich nichts verbessert. Ich fürchte, so lange sich an der Art der Finanzierung
von Kinder- und Jugendhilfe nichts ändert, bekommen wirtschaftliche Kriterien bei Entscheidungen über Hilfeanträgeaufgrund leerer Kassen in den Kommunen ein noch stärkeres Gewicht. Der Mensch ist aber keine Ware und ein Hilfebedarf wird immer individuell sein. Die fachlichen Kriterien Sozialer Arbeit dürfen nicht weiter an Einfluss verlieren.

Ehlting: Ich sehe den Kinderschutz bedroht, wenn es immer mehr an erfahrenen und gut qualifizierten Fachkräften fehlt. Fehlt es zudem an ausreichend Zeit für Gespräche und Kontakte zu den Familien, könnten sich Fehler in der Gefahreneinschätzung häufen. Wenn dann noch die knappe Haushaltslage den Druck erhöht, schneller günstige Hilfemaßnahmen einzusetzen, die letztlich fachlich jedoch die falschen sind, müssen wir mit enormen gesellschaftlichen Folgekosten rechnen. Wenn ein hilfebedürftiges Kind heute mit passender Unterstützung einen Schulabschluss schafft, dann hat es auch eine größere Chance, sich gesellschaftlich gut zu integrieren. Wird der ASD nicht besser ausgestattet, entsteht aus meiner Sicht weiter Zündstoff für die Verschärfung sozialer Probleme in unserer Gesellschaft.


Welche Aufgabe haben Gewerkschaften aus ihrer Sicht, wollen sie die Ergebnisse der Studie ernst nehmen?
Klaes: Die Gewerkschaften sollten die ASD Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen, ihre Stimme gegenüber den Arbeitsgebern lauter werden zu lassen, damit sich die Bedingungen wieder verbessern und die Arbeit im Jugendamt attraktiver wird. Somit könnte man der hohen Fluktuation entgegenwirken und auf allen Seiten für Entlastung sorgen. Zu den konkreten Forderungen sollte auch eine einheitliche Fallzahlbegrenzung zur Qualitätssicherung der Arbeit gehören.
Ehlting: Es ist bundesweit gesetzlich geregelt, was zu den Aufgaben im ASD laut Kinderjugendhilfegesetz gehört, jedoch gibt es bei der Bezahlung der Fachkräfte nach wie vor große Unterschiede. Aus meiner
Sicht müssten sich die Gewerkschaften für eine einheitliche und gerechte Bezahlung der Fachkräfte einsetzen. Aufgrund der hohen Verantwortung, beispielsweise wenn es um Sicherung des Kindeswohls geht, dürfte es auch mehr als S14 sein. Ebenso ist die hohe Dokumentationspflicht noch mal zu hinterfragen. Viele ASD-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sagten in den Interviews, sie seien nicht gegen, aber für eine sinnvollere Dokumentation.

Studie: „Berufliche Realität im Jugendamt: der ASD in strukturellen Zwängen“

Initiator: Jugendamt Berlin Mitte
Unterstützt und Finanziert durch: Deutsche Kinderhilfe e.V.

Zeitraum: Oktober 2016 – März 2018

 

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