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Fair ChildhoodSchule statt Frühehe

Die Nationale Bildungs- und Kulturgewerkschaft SNEC kämpft in Mali gegen Kinderarbeit und Frühehen. Seit Beginn des Pilotprojekts 2017 ist die Zahl der Mädchen an den 46 beteiligten Schulen innerhalb eines Jahres um 6 Prozent gestiegen.

25.03.2019 - Samuel Grumiau, Fachberater der Bildungsinternationale

Sarata war zwölf, als sie von ihrer Großmutter zu hören bekam, dass es jetzt allmählich genug sei mit der Schule. Und stattdessen Zeit, an die Zukunft zu denken – was für Mädchen in Saratas Heimatdorf Tonga rund 130 Kilometer östlich der malischen Hauptstadt Bamako seit jeher bedeutet, Geld zu verdienen, um die Aussteuer für eine baldige Heirat zusammenzukratzen. Anfang 2017 verdingte sich Sarata in Bamako für umgerechnet 11,50 Euro im Monat als Haushaltshilfe, schuftete sieben Tage die Woche täglich 13 Stunden.

Die heute 16-jährige Maryam aus Wakoro im Süden Malis kann von ähnlichen Erfahrungen berichten. Nur dass sie etwas weniger arbeiten musste, neun Stunden am Tag, und etwas mehr Geld bekam, umgerechnet 15 Euro monatlich. Maryam war 13, als sie 2016 nach Bamako zog. Weiter in Wakoro die Schule zu besuchen, schien ihr zwecklos: „Ich wusste, ganz gleich was kommt, ich musste mir eine Aussteuer für die Hochzeit beschaffen.“ Maryam hatte es nie anders gehört.

Mittlerweile sind beide Mädchen zurück in ihren Heimatorten und gehen regelmäßig zur Schule. Zu verdanken haben sie das einer Aufklärungskampagne der „Nationalen Bildungs- und Kulturgewerkschaft“ SNEC. Die Organisation hat für ein Pilotprojekt im Kampf gegen Kinderarbeit 46 Ortschaften in drei großen Verwaltungsbezirken Malis ausgewählt: im östlich gelegenen Segou, wo Sarata zu Hause ist, in Sikasso im Süden – der Heimat Maryams – und im zentralen Bezirk Koulikoro. In den beteiligten Gemeinden organisiert die Gewerkschaft Einwohnerversammlungen, Schülerkomitees agitieren gegen Kinderarbeit, Mütter schließen sich zu Vereinen zusammen, die das Anliegen weiter in die Gesellschaft tragen sollen.

„Sobald eine Schülerin dem Unterricht fernbleibt, werden wir aktiv. Wir versuchen herauszufinden, ob das Mädchen schon jemandem zur Ehe versprochen ist, ob der Heiratskandidat ihr vielleicht sogar sexuelle Gewalt angetan hat.“ (Dyamyly Diarra)

„Schulbesuch ist ein wirksames Mittel gegen Frühehen“, sagt Dyamyly Diarra, SNEC-Vertrauenslehrer an der Schule in Tonga. „Sobald eine Schülerin dem Unterricht fernbleibt, werden wir aktiv. Wir versuchen herauszufinden, ob das Mädchen schon jemandem zur Ehe versprochen ist, ob der Heiratskandidat ihr vielleicht sogar sexuelle Gewalt angetan hat.“ Diarra war es auch, der Saratas Onkel aufsuchte und ihn dazu bewegte, die Arbeitgeber seiner Nichte anzurufen. So kam Sarata nach fast zwei Jahren zurück.

Auch Maryams Eltern erhielten Besuch von SNEC-Lehrkräften in ihrer Gemeinde. Die Vorstellung, in schulpflichtigem Alter den Mann fürs Leben finden zu müssen, hat sich die junge Frau aus dem Kopf geschlagen: „Auf die Dauer bringt uns Bildung mehr.“ Maryam engagiert sich im örtlichen Schülerkomitee gegen Kinderarbeit – und hat Erfolg: Kürzlich ist es ihr gelungen, eine Freundin, die eine Beschäftigung in Mauretanien gefunden hatte, zur Heimkehr zu bewegen.

Seit Beginn des Pilotprojekts in Mali 2017 ist die Zahl der Mädchen an den 46 beteiligten Schulen innerhalb eines Jahres um 6 Prozent gestiegen. „Bei uns sind in diesem Zeitraum 23 Schülerinnen in den Unterricht zurückgekommen“, bestätigt Vertrauenslehrer Diarra. Und fügt hinzu: „Dass noch Mädchen zum Arbeiten nach Bamako geschickt oder zur Frühehe gedrängt werden, davon hören wir nichts mehr.“

„Wenn früher ein Mädchen aus dem Unterricht verschwand, haben wir das hingenommen. Heute greifen wir sofort ein, stellen Nachforschungen an, suchen, wenn nötig, die Eltern auf.“ (Alfred Watango)

Dass eine Tochter so jung wie nur irgend möglich unter die Haube gehört, zählte bisher auch in der Volksgruppe der Alur im äußersten Nordwesten Ugandas zum festen Bestand tief verwurzelter Überzeugungen. Die Alur kennen zudem eine alte Sitte, die zur Förderung der Frühehe geradezu erfunden scheint. Immer, wenn eine Hochzeit angebahnt wird, besucht der künftige Bräutigam mit seiner ganzen Familie die Familie der künftigen Braut. Bei einem solchen „Keny“, wie sich der Brauch nennt, wird bis zu sieben Tage lang getanzt, gefeiert, gezecht. Nicht selten sind am Ende etliche Mädchen mehr als vorher schwanger, was dann wieder Anlass zu weiteren „Kenys“ und Hochzeiten ist.

Nun hat die „Ugandische Nationale Lehrergewerkschaft“ UNATU 15 Schulen in der Gegend für das Modellvorhaben einer „kinderarbeitsfreien Zone“ ausgewählt. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Förderung der Mädchen. „Wenn früher ein Mädchen aus dem Unterricht verschwand, haben wir das hingenommen“, sagt Alfred Watango, Lehrer an einer der beteiligten Schulen in der Ortschaft Kelle. „Heute greifen wir sofort ein, stellen Nachforschungen an, suchen, wenn nötig, die Eltern auf.“ Früher sei im Laufe eines Schuljahrs rund die Hälfte der Schüler aus den Klassen verschwunden – vor allem Mädchen. Seit 2018 sei das nicht mehr vorgekommen. Im Gegenteil, sagt Watango, die Zahl der Mädchen an seiner Schule sei im ersten Halbjahr von 259 auf 343 gestiegen, an allen beteiligten Einrichtungen insgesamt um 9,3 Prozent.

Unterstützung kommt auch von den traditionellen Amtsträgern. Mittlerweile gibt es Gemeindesatzungen gegen Kinderarbeit und gegen die exzessive „Keny“-Praxis. Die Festlichkeiten dürfen nur noch an Wochenenden und höchstens zwei Tage lang stattfinden. Lehrkräfte stellen einen deutlichen Rückgang der Schwangerschaften unter Schülerinnen fest.

Mehr Achtsamkeit, wenn Mädchen dem Unterricht fernbleiben, so lautet die Maxime auch in Tansania, wo die einheimische Lehrergewerkschaft TTU im küstennahen Bezirk Mvomero eine „kinderarbeitsfreie Zone“ propagiert. Kanizia Kandia, Vertrauenslehrerin in Melela, hat kürzlich einen solchen Fall erlebt – ein zehnjähriges Mädchen, das immer öfter die Schule schwänzte, sich erkennbar unwohl fühlte: „Wir haben die Eltern aufgesucht, aber die wussten auch von nichts. Wir haben das Mädchen ins Krankenhaus gebracht, und dort stellte sich heraus, dass es vergewaltigt worden war.“ Früher, bevor ihre Gewerkschaft mit der Aufklärungskampagne begonnen hatte – davon ist Kandia überzeugt –, wäre ein solcher Fall totgeschwiegen worden.

Aus dem Französischen übersetzt von Winfried Dolderer.

Das Bildungs- und -Förderungswerk der GEW unterstützt die Stiftung „fair childhood – Bildung statt Kinderarbeit“.

 

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