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GeorgienEin Land im Umbruch

Ende Oktober 2018 fand in Tiflis der Kongress der Bildungsgewerkschaft ESFTUG statt. Für die GEW war der Berliner Kollege Peter Baumann der Einladung in die Kaukasusrepublik gefolgt.

 

18.12.2018 - Peter Baumann

Überall in Georgien wehen EU-Fahnen, das Land will in die Europäische Union. Die Menschen hoffen mit einem Beitritt auf ein Leben in Wohlstand. Wer schon einmal in Deutschland war, erzählt begeistert davon. Auf der anderen Seite lässt die Vergangenheit das Land nicht los. Immer wieder gibt es Grenzstreitigkeiten, und auch von Stalin vermag sich das Land noch nicht zu emanzipieren.

 

Zwischen Tradition und Moderne
Kommt man in die Hauptstadt Tiflis (auf Georgisch Tbilisi), erkennt man an neuen Gebäuden in Stahl-Glas-Architektur, dass eine andere Kultur Einzug hält. Sie überragen die Häuser der quirligen Altstadt zum Teil um ein Mehrfaches und sind von überall her zu sehen. Im alten Stadtkern entwickelt sich touristische Infrastruktur, in vielen Restaurants wird die traditionelle georgische Küche gepflegt. Sie ist sehr zu empfehlen, auch zusammen mit georgischem Wein, dessen Winzer neue Absatzmärkte suchen, nachdem sie früher fast ausschließlich in die Sowjetunion lieferten.

Im Stadtbild gibt es viele Kleintransporter, denen man sofort ansieht, wo sie früher gefahren sind, zum Beispiel für einen Handwerksbetrieb in Berlin-Grünau. Weil es zu teuer ist, verzichtet man auf eine Neulackierung. Nicht einmal an einem Aufkleber erkennt man den neuen Besitzer. Übrigens findet sich in Tiflis auch ein Stück Berliner Mauer. Nicht überall ist bekannt, dass die Georgier eine jahrhundertealte eigene Schrift verwenden, die es auch nur dort gibt und die den öffentlichen Raum bestimmt. Als Zweitbeschriftung ist inzwischen das Englische dabei, das Russische und die kyrillische Schrift abzulösen.

 

Maia Kobakhidze eindrucksvoll als ESFTUG-Vorsitzende bestätigt
In einem Gebäude aus der Zeit, als Georgien noch die grusinische Sowjetrepublik war, kamen am 27. Oktober 2018 die Delegierten der Bildungsgewerkschaft ESFTUG zu ihrem Kongress zusammen. Eingeladen waren auch fünfzehn internationale Gäste befreundeter Bildungsgewerkschaften aus neun Ländern.

Der Kongress begann morgens mit dem Auftritt eines Chores aus Erstklässlern und eines Lehrerinnenchores, wozu schließlich das gemeinsame Absingen der Nationalhymne gehörte. Es folgten zahlreiche Grußworte, darunter des Vorsitzenden des georgischen Gewerkschaftsbundes und des Vorsitzenden der Sozialdemokraten im Parlament. Sie alle betonten die nationale Eigenständigkeit Georgiens und äußerten den Wunsch auf Aufnahme in die Europäische Union. Georgien war gerade im Wahlkampf, am Folgetag fand der erste Wahlgang um das Präsidentenamt statt. Hauptthema war auch hier die Annäherung an die EU. Wahlplakate, wie man sie bei uns gewohnt ist, sah man in Tiflis aber kaum.

Eindrucksvoll zeigten die Delegierten des ESFTUG-Kongresses, wie sie die Arbeit ihres Vorstandes in der zurückliegenden Zeit einschätzten. Nach dem Rechenschaftsbericht wählten sie fast einstimmig Maia Kobakhidze und Mari Alugishvili erneut zur Vorsitzenden und Stellvertreterin. Die Delegierten applaudierten stehend. In weiten Teilen des Landes war die gewerkschaftliche Organisation in den vergangenen Jahren erst aufzubauen. Inzwischen vertritt ESFTUG etwa 42.000 Mitglieder, davon zwei Drittel an Schulen, ein Viertel in Kindergärten, die übrigen arbeiten an Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen. Schwerpunkt der Gewerkschaftsarbeit sind Fortbildungen der Mitglieder über ihre Rechte als Arbeitnehmer. ESFTUG ist es gelungen, mit der Regierung eine Vereinbarung zu schließen, die diese Rechte sichert. Ebenso konnten deutliche Gehaltssteigerungen erreicht werden.

 

Besuch in Stalins Geburtsort
Am Nachmittag begann die Beratung weiterer Anträge, an der die internationalen Gäste allerdings nicht mehr teilnahmen. Stattdessen ging es für sie ins 68 km entfernte Gori. Auf dem Weg dorthin - in einem Bus, der offenbar vor vielen Jahren in den spanischen Orten Trujillo und Cáceres gefahren war - fiel auf, dass auf dem Lande die neue Zeit noch nicht in dem Maße angekommen war wie in der Hauptstadt. Und man bemerkte Polizeiposten an Autobahnausfahrten. Die Landesgrenze ist zwar noch weit weg, aber gleich neben der Autobahn beginnt Südossetien, das sich in Folge des Kaukasuskriegs 2008 von Georgien abgespalten hat und wo die georgische Staatsgewalt nicht anerkannt wird.

Gori selbst ist der Geburtsort Josef Stalins. Ihm ist dort ein ganzes Museum gewidmet. Wenn man aus dem westlichen Europa kommt, ist man schon sehr überrascht darüber. Aber Stalin ist der große Sohn der Stadt, und unter seiner Führung wurde Nazideutschland im Großen vaterländischen Krieg unter enormen Opfern besiegt. Man illustriert sehr unkritisch seinen Lebenslauf. Spricht man jedoch die Museumsführerin auf Stalins andere Seiten an, so geht sie sehr wohl auf politische Verfolgungen und Gulag ein. Auf dem Museumsgelände ist Stalins Geburtshaus von einem baldachinartigen Bauwerk überbaut, und man findet einen Eisenbahnwaggon, mit dem Stalin - er reiste nie mit dem Flugzeug - zu den Konferenzen von Teheran und Potsdam gefahren war.

Wieder zurück in Tiflis, war auch der Kongress vorüber - nein, noch nicht ganz. Am Abend tanzten die Delegierten. Viele Künstler bereicherten mit ihren Darbietungen den Ball. Nach erfolgreichem Kongress blickt man optimistisch in die Zukunft. Die Gewerkschaft und das ganze Land sind im Aufbruch.

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