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FrauenZukunftsKonferenzDigitalisierung, Antifeminismus und Zeitpolitik

Mit Genderaspekten der Digitalisierung und antifeministischen Kampagnen aus dem rechten Spektrum hat die GEW-FrauenZukunftsKonferenz aktuelle gesellschaftspolitische Debatten beraten. Auch Zeitpolitik ist erneut Thema gewesen.

01.10.2018 - Nadine Emmerich

Zeitpolitik, Care-Krise, Digitalisierung, sexuelle Selbstbestimmung, geschlechtliche Vielfalt in Politik und Praxis sowie antifeministische Kampagnen: Bei der FrauenZukunftsKonferenz im September in Berlin haben die Gewerkschaftsfrauen unter dem Motto „Geschlechterverhältnisse debattieren“ zwei Tage lang ein Mammutprogramm abgearbeitet.

Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe rief ihre Kolleginnen dazu auf, sich beim Thema digitale Bildung aktiver einzumischen. Bisher hätten die Landesverbände nur Männer in die Vorab-Arbeitsgruppe des Bundesforums „Bildung in der digitalen Welt“ geschickt. „Lassen wir uns das Thema doch nicht nehmen!“ Das Gremium soll im März seine Arbeit aufnehmen und die Digitalisierung im Bildungswesen kritisch begleiten.

Deborah Oliveira, Autorin für die Forschungsstelle Arbeit der Zukunft der Hans-Böckler-Stiftung, betonte, bei der Digitalisierung gehe es darum, „wie wir künftig leben und arbeiten wollen“. Die Antwort müssten Frauen geschlechtergerecht mitgestalten. Bisher fehle im öffentlichen und politischen Diskurs die weibliche Perspektive.

Deutlich wurde bei der Diskussion derweil: Was geschlechtergerechte Digitalisierung konkret bedeutet, und wie sie erreicht werden kann, ist noch unscharf. Im Bildungsbereich, wo Lehrkräfte mit Blick auf neue Medien auf zig Ebenen gefordert sind, gibt es scheinbar noch zu viele offene Fragen. Dominantes Thema war die zunehmende Entgrenzung der Arbeit durch die digitale Kommunikation. Zunehmend flexible Arbeitszeiten könnten vor allem zu Lasten von Frauen mit Kindern gehen, befürchteten viele Gewerkschafterinnen. Tepe forderte: Eine neue Zeitpolitik „ist das Wichtigste, wofür wir kämpfen müssen“.

„Eine neue Lebensverlaufsperspektive ist ebenso notwendig wie ihre politische Gestaltung.“ (Martina Heitkötter)

„Wir sind noch weit entfernt von einer geschlechtergerechten Arbeitsteilung“, sagte Martina Heitkötter, Grundsatzreferentin der Fachgruppe Familienpolitik und Familienförderung am Deutschen Jugendinstitut (DJI) München. 70 Prozent der Mütter übernähmen die Haus- und Familienarbeit allein, 72 Prozent der Hauptpflegepersonen seien Frauen, und Mütter kümmerten sich selbst dann um den größten Teil der Hausarbeit, wenn sie Vollzeit arbeiteten. Zugleich veränderten sich Lebensläufe, würden komplexer und auch länger.  „Eine neue Lebensverlaufsperspektive ist ebenso notwendig wie ihre politische Gestaltung.“

Heitkötter stellte ein Optionszeitmodell mit Carezeitbudget vor: Aus diesem kann jeder Mensch über das gesamte Arbeitsleben hinweg zweckgebunden Zeit anstelle von Erwerbsarbeitszeit entnehmen. Allerdings ist bei dem Konzept noch viel unklar – vom Gesamtzeitbudget über dessen Verwaltung bis zur Finanzierung. Auch ob sich Sorgezeit so tatsächlich gerechter zwischen Frau und Mann aufteilen lasse, wurde bei der Konferenz in Frage gestellt.

Antifeminismus von rechts außen

Unterdessen bekommt das Engagement für mehr Geschlechtergerechtigkeit starken Gegenwind aus dem politisch rechten Spektrum – etwa durch die AfD-Fraktion im Bundestag, die ein antiquiertes Frauen- und Familienbild vertritt. „Dadurch wird es für uns nochmal schwerer“, sagte Tepe. Noch gefährlicher scheint ein neuer rassistischer und nationalistischer Antifeminismus, wie die Politik- und Sozialwissenschaftlerin Christiane Leidinger analysierte. Seit Anfang 2018 gebe es die Kampagne „120 Dezibel“, mit der junge Frauen gegen vermeintlich „importierte Gewalt“ durch Asylbewerber im Netz mobil machten.

Die Bewegung, die den öffentlichen Raum als für deutsche Frauen nicht mehr sicher darstellt und zum Widerstand aufruft, ist Leidinger zufolge der rechtsextremistischen Identitären Bewegung zuzuordnen. „Die Kampagne versucht gezielt, über Sexismus und Gewalt Frauen anzusprechen.“ Durch diese emotionale und manipulative Darstellung im Zusammenhang mit Migration würden Positionen der extremen Rechten „anschlussfähig an die gesellschaftliche Mitte“. Lehrkräften empfahl Leidinger, „120 Dezibel“ nicht zum Unterrichtsthema zu machen und so „zu promoten“ – außer das Propagandavideo der Kampagne kursiere bereits auf dem Schulhof.

 Für GEW-Vorstandsmitglied Frauke Gützkow zeigt diese Entwicklung, „dass wir das, was wir als Frauen erkämpft haben, immer wieder verteidigen müssen, auch als Gewerkschafterinnen“.
 

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