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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und MedienUnd plötzlich macht es wumms

In dem Krimi „Lauf um dein Leben“ erzählt Wolfgang Korn von der weltweiten Suche nach einem Paar Sneaker. Für das globalisierungskritische Jugendbuch zeichnete ihn die AJuM der GEW mit dem Heinrich-Wolgast-Preis aus.

22.11.2019 - Anja Dilk, freie Journalistin

  • E&W: Herr Korn, in Ihrem Buch spielt ein Paar Sneaker die Hauptrolle. Wie sind Sie darauf gekommen?

Wolfgang Korn: Vor zehn Jahren habe ich ein Buch über das Leben einer roten Fleeceweste geschrieben. Darin verfolge ich, wie der Rohstoff Polyethylen im reichen Dubai aus Erdöl gewonnen wird, wie das Fleece im armen Bangladesch zu einer Weste genäht, nach Hamburg verschifft, dort nach zwei Jahren Benutzung in den Altkleidercontainer gesteckt und nach Afrika geschickt wird, um von einem Senegalesen getragen zu werden, der sich mit ihr auf die Flucht übers Mittelmeer macht. Mein neuer Verlag fragte mich schließlich: Willst du nicht eine neue Globalisierungsgeschichte schreiben? Da lagen Sneaker nahe, alle Jugendlichen tragen sie.

  • E&W: Worum geht es in dem Buch?

Korn: Beim Marathonlauf in einer deutschen Stadt taucht ein Paar Sneaker mit Blutflecken auf. Steckt dahinter ein Verbrechen? Ein Journalist der örtlichen Zeitung macht sich auf die Suche. Er fliegt zu den Produktionszentren nach China, folgt der Spur nach Äthiopien und findet dort die beiden Jungen, denen die Schuhe gehören.

  • E&W: Ein Buch also über die Produktionsbedingungen in unserer Wirtschaft?

Korn: Genau. Ich finde es wichtig, dass Jugendliche lernen, sich kritisch mit der Welt auseinanderzusetzen und ihr Konsumverhalten zu hinterfragen.

  • E&W: Warum haben Sie kein gewöhnliches Jugendsachbuch geschrieben?

Korn: Weil sich Jugendliche viel mehr begeistern lassen, wenn man Fakten in eine spannende Geschichte packt. Das habe ich schon bei Lesungen „Die Weltreise einer roten Fleeceweste“ gemerkt. Wenn ich mit einer roten Weste im Unterricht auftauchte, waren die Kinder sofort dabei. Ist das die Weste aus deinem Buch? Warum hast du die an? Ist das die aus Dubai? Ein Sachbuch erzeugt dagegen oft nur großes Gähnen.

  • E&W: Nun schlüpfen Sie in Sneaker ...

Korn: ... und wie in meinem Buch sind sie gelb, rot und grün; die Farben Äthiopiens. In einem Künstlerbedarfsladen habe ich sogar eine Art getrocknete Blutflecken darauf machen lassen. Das zieht. Sobald ich in der Schule die Schuhe aus meiner Plastiktüte hole, merke ich, wumms, ich hab die Kids. Es ist wie in einem guten Hollywoodfilm.

  • E&W: Früher haben Sie archäologische Bücher verfasst. Das klingt nicht gerade nach Hollywood-Style.

Korn: Umso mehr hat es mich gereizt, es mit Jugendbüchern zu versuchen. Archäologie spricht ja eher ein älteres Publikum an. Gerade bei erzählenden Jugendsachbüchern muss man extrem einfach und allem auf den Grund gehen, bis man es wirklich plausibel erzählen kann.

  • E&W: Zum Beispiel?

Korn: Wie sehen die Läufercamps im äthiopischen Hochland wirklich aus? Das berühmte Camp in Bekoii besteht nur aus Wellblechhütten und einem zugewachsenen Laufstadion. Das finden Sie in keinem Zeitungsartikel oder bei Google.

  • E&W: Am Ende der Sneakersuche gründen Ihre beiden jungen Äthiopier eine nachhaltige Schuhcompany. Warum?

Korn: Ich wollte zeigen, wie Alternativen zu unserer Produktionsweise aussehen könnten. Das interessiert die Jugendlichen. Bei den Lesungen checken wir zum Beispiel gemeinsam unsere eigenen Schuhe. Und stellen fest, dass alle verklebt sind, weil das billiger ist als nähen. Schon stecken wir mitten in der Diskussion: Wollen wir, dass die Dinge unseres Alltag so hergestellt werden? Welchen Preis hat das? Für wen? Wie könnte es anders gehen? Entscheidend ist, dass solche Gespräche nicht mit erhobenem Zeigefinger geführt werden. Sonst schalten Jugendliche ganz schnell ab.

Wolfgang Korn: Lauf um dein Leben. Die Weltreise der Sneakers. Carl Hanser Verlag 2019, 232 Seiten, ab 13 Jahre

Der Wolgast-Preis: Alle zwei Jahre zeichnet die Arbeits-gemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM) Kinder- und Jugendbücher aus, die sich mit der Darstellung der Arbeitswelt auseinandersetzen. Das Bildungs- und Förderungswerk (BFW) der GEW hat den Heinrich-Wolgast-Preis 1986 gestiftet.

 

 

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