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Sonderschullehrer_innenausbildung im Nationalsozialismus

Statement der Landesfachgruppe Sonderpädagogische Berufe zur Buchbesprechung „Wissenschaftliche Forschung widerlegt Geschichtskonstruktion der Sonderpädagogik“ von Dr. Brigitte Schumann zum Buch von Dagmar Hänsel „Sonderschullehrerausbildung im Nationalsozialismus“ in der GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 3/2015

10.03.2015 - Sylvia Sund

Die Schlüsse zur Gegenwart, die am Ende des Artikels gezogen werden, lösen ebenso wie die Schlüsse am Ende des Buches von Dagmar Hänsel, bei vielen Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen und im Förderschulbereich tätigen Pädagogischen Fachkräften Empörung aus. So auch in unserer Landesfachgruppe Sonderpädagogische Berufe. 

Wir kritisieren scharf, dass Frau Dr. Schumann am Ende ihres Artikels mit einer durch Suggestivfragen geprägten unterschwelligen Diktion den FörderschullehrerInnen und Pädagogischen Fachkräften Handlungsweisen unterstellt, die mit denen im Nationalsozialismus vergleichbar sind. Diese Unterstellungen weisen wir von uns. Denn sie beschämen die an Förder- und Schwerpunktschulen engagiert arbeitenden sonderpädagogischen Professionen. Auch die Zahlen, die Frau Hänsel am Ende ihres rezensierten Buches präsentiert, können wir für Rheinland-Pfalz so nicht stehen lassen. Wenn sie schreibt „Sonderpädagogen gelten nämlich - nicht anders als in den 1920er-Jahren - 20 Prozent der Kinder als Behinderte oder gar alle Kinder als allgemein Behinderte in den Bereichen Lernen, Verhalten und Sprache und damit als Kinder, die in der Schule sonderpädagogischer Förderung bedürfen“ (a.a.O., Seite 265), dann stellt sie damit Behauptungen auf, die im Blick auf Rheinland-Pfalz so keinesfalls stimmen.

Wir werden uns in unserer Landesfachgruppe in der nächsten Zeit mit der aktuellen Statistik für Rheinland-Pfalz beschäftigen, denn einer kritischen Bestandsaufnahme verwehren wir uns selbstverständlich nicht. Aber die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen doch offenkundig, dass die Zahl der Meldungen von Schülerinnen und Schülern zur „Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs“ in hohem Maß von der personellen Ausstattung der Schulen abhängt. Auch bei den rheinland-pfälzischen Schwerpunktschulen sind die zugewiesenen und zur Verfügung stehenden personellen sonderpädagogischen Ressourcen ausschlaggebend für mehr oder weniger erfolgreiche Inklusion und sie beeinflussen maßgeblich die Anzahl der Meldungen zur „Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs“.

In ihrem Artikel „Selektion als zentrale Barriere für inklusive Pädagogik“ auf den Seiten 12 - 14 der GEW-Zeitung 3/2015 beschreibt Frau Dr. Schumann aus unserer Sicht sehr treffend die Selektionsmechanismen in unserem deutschen Bildungssystem und die Bedingungen für gelingende Inklusion. Am Ende dieses Artikels betont sie die „Notwendigkeit, unterstützende und beratende Prozessbegleitung bereitzustellen und für die Etablierung und Kooperation von multiprofessionellem Personal an den Schulen zu sorgen, um inklusive Qualität in den Schulen zu entwickeln und zu verankern.“ Für die Fachgruppe Sonderpädagogische Berufe sind SonderpädagogInnen und Pädagogische Fachkräfte Teil solcher multiprofessioneller Teams. Wie wäre es denn dann damit, Frau Dr. Schumann, zukünftig unsere Profession nicht pauschal abzuwerten oder zu beschämen, sondern sie als wichtige und unverzichtbare Elemente inklusiver Schulen „willkommen zu heißen“, wie dies bereits jetzt an vielen guten inklusiven Schulen in Rheinland-Pfalz der Fall ist. Wir erwarten aber auch die sachlich gebotene Anerkennung der guten und unverzichtbaren Arbeit der Kolleginnen und Kollegen an den Förderschulen, die nichts dafür können, dass unser deutsches Schulsystem so ist, wie es ist.

Wir werden uns in unserer Fachgruppe weiter mit der Thematik beschäftigten und erneut berichten.

Sylvia Sund, Sprecherin der Landesfachgruppe Sonderpädagogische Berufe

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