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Pädagogik für Flüchtlingskinder – am besten in der Ganztagsschule

Die deutschen Schulen werden unversehens mit einer neuen, zusätzlichen Aufgabe konfrontiert: die Aufnahme eine beträchtlichen Zahl von Flüchtlingskindern. Das Angebot schulischer Bildung, das sich möglichst rasch ergeben muss, hat eine Reihe von Herausforderungen zu bewältigen. Die Kinder und Jugendlichen haben möglicherweise Leid, Not, Entbehrungen, Gefahren, Gewalt erlebt und sind davon erst einmal bestimmt (schwere Erlebnisse, Traumata). Das heißt, es muss ihnen erst einmal Zeit zur Verarbeitung, zum Zur-Ruhe-Kommen gewährt werden. Sie müssen Annahme sowie Zuwendung erfahren, um zu einem durch Zuversicht bestimmten weiteren Aufwachsen kommen zu können. Die neue Welt ist fremd und voll neuer Eindrücke. Man kann sie erst einmal nur visuell und emotional erfassen. Die deutsche Sprache muss Zug um Zug zum Verstehen, Lernen und Kommunizieren dazukommen. Sie erlaubt dann Kontakt und das Mitlernen. Das ist insgesamt ein gewaltiges Lebens- und Lernprogramm: die Verarbeitung der Vergangenheit und die Bewältigung der Gegenwart, um dann auch in die Zukunft schauen zu können.

Die Schule, hier die Grundschule, kann für eine längere Zeit nicht „business as usual“ machen. Sie muss sich auf eine völlig neue Schülerklientel einstellen.

01.11.2015 - Prof. Dr. Manfred Bönsch

Die Ganztagsgrundschule wäre der beste neue Lebens- und Lernraum

Die hier verfolgte These ist, dass Geborgenheit, die durch Annahme und behutsame Herausforderung geprägt ist, durch stetige Kontakte (nicht nur stundenweise Betreuung), durch Sprachlernen und damit
Anregungen für die weitere kognitive Entwicklung, sich am besten in der vollen Ganztagsschule entfalten ließe und diese also eine Pädagogik für Flüchtlingskinder am intensivsten verwirklichen kann. Dies sei näher erläutert.

1. Pädagogik des ganzen Tages
Wenn man den ganzen Tag zusammen ist, ergeben sich die Situationen des Zusammenseins (Leben, Lernen, Arbeiten, Spielen, Feiern), es ergeben sich die Bedürfnisse des Alleinseins/des Rückzugs (Entspannen, Ruhen, Lesen, Bilderbuch ansehen, Musik hören u.a.m.), des Essens und Trinkens (Pausenkultur, gemeinsames Frühstück, die Kultur des gemeinsamen Mittagessens und -gesprächs), der Bewegung (Spiel und Sport auf dem Schulhof, auf dem Freigelände, in der Sporthalle). Es entstehen Notwendigkeiten des Besorgens und der Dienste (Wahrnehmung von Pflichten im Alltag wie Tischdienst z.B.), der gemeinsamen Lernarbeit (Arbeits- und Übungsstunden, Hausaufgaben, Arbeitsgemeinschaften) – das alles in der Dialektik von Anspannung und Entspannung, Arbeit und Spiel, Besinnung und Fröhlichkeit zu denken.
Gemeinsam gelebte Zeit, die als bereichernd und befreiend erfahren werden kann, ist bestimmt von Personen, die anregen, annehmen und kommunikativ sind. In einer anheimelnden Umwelt fühlt man
sich wohl. Alle haben Zeit füreinander! Stabile Gruppen- und Personenbeziehungen können entstehen, wenn feste Bezugspersonen über den Tag, die Woche, die Monate da sind. Und wenn der Tag beispielsweise wie folgt rhythmisiert werden könnte, entstehen hilfreiche Zeitstrukturen:
7.15 h: Gleitende Eingangsphase – dann gemeinsamer Beginn mit einem Gesprächskreis
8.15 – 9.30 h: Erste gelenkte Unterrichtsphase
9.30 – 10.00 h: Frühstücks- und Spielphase
10.00 – 11.30 h: Zweite Unterrichtsphase – offener gestaltet mit kooprativem/ selbständigem Lernen
11.30 – 11.45 h: Spiel- und Bewegungspause
11.45 – 12.30 h: Förder-/Übungszeit + Wahlangebote
12.30 – 13.30 h: Gemeinsames Mittagessen (Kinder und Erwachsene) + Freizeit/Erholung
13.30 – 15.00 h: Gelenkte Unterrichtsphase + AG`s
15.00 – 15.30 h: Tagesschlusskreis
Ab 15.30 h : Betreuungszeit für Kinder, deren Eltern sie erst später abholen können

Die Raum- und Flächenangebote werden nach Funktionen gestaltet:
• Bewegung und Rekreation (Spiel- und Sportflächen)
• Rückzug und Stille (Sitzecken, Nischen, Ruheraum, Leseraum)
• Kommunikation und Begegnung (Cafeteria, Teestube, Diskothek)
• Interesse und Lernen (Bibliothek, Mediothek, Fotolabor, Ateliers, Fachräume)
• Spiel und Sport (Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote)
• Kreativität und Werke (Werkstätten, Ateliers, Musikraum)
Die Schule ist ein Lebens- und Lernraum mit Kommunikations-, Zeit- und Raumstrukturen, in dem auch die Flüchtlingskinder sich heimisch fühlen können.

2. Die entstehenden Lebens- und Lernsituationen für die Flüchtlingskinder
Wenn man die in aller Kürze skizzierte Welt der Ganztagsschule hat, ergeben sich für Flüchtlingskinder eine Fülle hilfreicher Situationen. Sie kommen in einen geregelten Schulalltag, der ihrem Leben wieder Struktur, Halt und Ordnung gibt. Sie erleben, wie die anderen Kinder sich verhalten, und können sich an ihnen orientieren. Über den Tag ergeben sich vielfältige Kontakte und Sprachanlässe. Gemeinsames Spielen wird z. B. sehr schnell Realität werden. In der Gemeinsamkeit des Tagesanfangs machen
sie einfach erst einmal mit, können aber Begrüßungsrituale bald mit realisieren und ihre Begrüßungsworte sind so wichtig wie die der anderen Kinder. In den Unterrichtsphasen werden sie anfangs in Sprachlernklassen in kürzeren Zeitphasen zusammengefasst, ehe sie mehr und mehr am normalen Unterricht teilnehmen. Die Grundschule kann mit Zeit flexibel umgehen und z. B. für 20 Minuten Deutschlernen ansetzen. Die Mittagszeit ist eine Zeit des informelleren Zusammenseins,
um zu spielen oder Sport zu treiben (Spiel und Sport als „Integrationsvehikel“), aber das gemeinsame Essen ist auch für alle wichtig. Man spricht auf eine erste Weise zusammen und lernt Essgewohnheiten
jeweils vom anderen kennen. Da sich viele Situationen nonverbal, halbverbal oder auch schon durch einfache Verständigungssätze bewältigen lassen, ist der Stress für die Flüchtlingskinder nicht so groß. Sie sind nicht dauernd, wie das im herkömmlichen Unterricht der Fall ist, sprachlich gefordert, die anderen Kinder und auch die Lehrer/-innen ebenfalls nicht. Es lässt sich vieles durch die Sprache des Nonverbalen (Gesten, Mimik, Körpersprache insgesamt) und durch das Vor- und Nachmachen klären. Das Mitmachen und die nonverbale Verständigung stehen also am Anfang. Und da ist in der Regel mehr möglich, als wir gemeinhin annehmen. Wir nehmen uns aber alle vor (Erwachsene wie Kinder), all unser  Tun durch Sprechen zu begleiten, um die Sprache mit dem Handeln zu verbinden und damit  Vokabeln wie Sätze bekannt zu machen.

Die Spracharbeit im engeren Sinne beginnt mit  Namensnennung, ersten Begriffen, dann kleinen Sätzen und in aufsteigender Weise immer mehr  Verständigung. Handlungen werden versprachlicht, Bilder und Bildergeschichten können zum Sprechen anregen. Spiel- (z.B. Memory) und Lernmaterial (z.B. in Mathematik) machen Operationen nonverbal  deutlich. Aber das Versprachlichen muss zügig folgen.

Zusammengefasst: Es ergeben sich vor allem  Situationen des Zusammenseins, die Kontakte schaffen und ständig auch Sprachanlässe sind. Die  Offenheit der Tagesgestaltung erlaubt, variabel auf aufkommende spezielle Bedürfnisse einzugehen einzugehen. Wenn man davon ausgehen könnte, dass die Lehrkräfte auch den ganzen Tag da sind – das ist ja der eigentliche Sinn der Ganztagsschule! –, sind Zuwendung und Aufmerksamkeit in vielfältiger Weise gegeben. Bei Kooperation im Jahrgang oder in jahrgangsübergreifen Gruppen kann auf zwischenzeitlich aufkommende Bedürfnisse – z. B. sind für zwei Flüchtlingskinder häufiger kleine Auszeiten nötig, weil sie über längere Zeit noch nicht konzentriert sein können – flexibel von der einen oder anderen Lehrkraft eingegangen werden. Wenn so genannte Familiengruppen für den ganzen Tag eingerichtet werden können, ist die Kontaktdichte unter den Kindern und mit der Lehrerin intensiv zu gestalten. Auf eine notwendige flankierende Elternarbeit kann hier nicht eingegangen werden.

Die Vermeidung von kleinrahmigen Lösungen – Konsequente Förderpädagogik (heilende Pädagogik)
Da es bisher überwiegend kleinere Lösungen für die Gestaltung von Ganztagsgrundschulen gibt, ist zuerst einmal eine „Solllinie“ beschrieben worden. Bekannt ist, dass es die sog. offene Ganztagsgrundschule gibt. Die Angebote am Mittag und Nachmittag können, müssen aber nicht in Anspruch genommen werden. Und es gibt natürlich die schlichten Lösungen, die man eher Halbtagsschule mit Nachmittagsangeboten (normale Grundschule mit nachmittäglichen Betreuungsangeboten) nennen sollte. Auch Mischlösungen sind existent: Die Grundschule ist in einem Zug normal halbtägig organisiert, sie hat in einem zweiten Organisationsstrang einen Halbtagszug – verpflichtend oder freiwillig zu wählen. Auch gibt es die Lösung, dass eine Grundschule wenigstens zwei „Integrative Tage“ und ein bis zwei freiwillig zu nutzende Nachmittagsangebote anbietet. Dies ist in der Regel einfach pragmatischen Gründen geschuldet. Es fehlt an Personal oder Räumlichkeiten oder auch am entsprechenden Konzept. Selbst an einem institutionalisierten „Stafettendenken“ oder an festen Übergabezeiten vom Vor- zum Nachmittag fehlt es dann häufig. Der Begriff Ganztagsschule ist pädagogisch anders besetzt! Er wird hier aus dem gegebenen Anlass auf den Begriff der Lebensgemeinschaftsschule oder Tagesheimschule zurückgeführt. Folgerichtig ist an personelle Konstellationen zu denken, die über den Tag hinweg verlässliche Bindungen zwischen Erwachsenen und Kindern schaffen. Das sog. Schichtmodell – die Lehrkräfte machen mittags „Schicht“ und dann kommt eine andere Personengruppe, die Kinder aber bleiben den ganzen Tag da – kann für die gebundene Ganztagsschule nicht die Organisationsform sein. Gerade die vielen auftretenden informellen Situationen (Frühstücks- und Spielpause, Mittagszeit mit gemeinsamem Essen und Freizeitangeboten, die Betreuungszeit am Nachmittag) sind als fundamental wichtig für das Leben und Lernen mit den Flüchtlingskindern anzusehen und dürfen nicht der Zufälligkeit von wechselnden Personen ausgesetzt sein. Man lebt den Tag zusammen. Man hat Zeit, um Kummer, der entsteht, zu besprechen. Man kann dauernd Zuwendung und Sprechangebote sichern. Man trifft sich zu verschiedenen Aktivitäten, die immer wieder auch sprachentlastend sind. Es entstehen quasi Familiengruppen, in denen sich auch das traumatisierte Kind auf eine erste Weise geborgen fühlen kann und neue Zuversicht in andere Menschen und in das Leben finden kann.

Kurze Bilanz
Angesichts der steigenden Zahl von Flüchtlingskindern in deutschen Schulen wird gegenwärtig vor allem gefordert, Sprachlernklassen vermehrt einzurichten. Das hat schon seine Richtigkeit, wird aber den Kindern, vor allem Grundschulkindern, wie sie kurz charakterisiert worden sind, nicht gerecht. Da die Aufenthaltsgegebenheiten für ihre Familien auf längere Zeit beengt und nicht sehr komfortabel sein werden, wäre es gut, wenn die Grundschule als Ganztagsschule ein Hort besseren Lebens und Lernens sein könnte. Die Ideen dafür sind entwickelt worden. Dann geht es jetzt um die Realisierung!


aus dern GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 10-11/2015

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