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Religionsunterricht„Minenfeld“ Imam-Ausbildung

Über „die heikle Frage der Imam-Ausbildung“ sowie über den Religionsunterricht für muslimische Schülerinnen und Schüler hat E&W mit dem Islamwissenschaftler Bülent Uçar gesprochen, der an der Universität Osnabrück Imame ausbildet.

15.04.2019 - Helga Haas-Rietschel, Redakteurin der „Erziehung und Wissenschaft“

  • E&W: Soll der Koranunterricht nur in der Schule stattfinden oder ausschließlich in der Moschee?

Bülent Uçar: Koranunterricht sollte an beiden Standorten stattfinden. Moscheen haben andere Adressaten und Ziele als Schulen. In Gemeinden geht es in erster Linie um Glaubensangelegenheiten, in der Schule darum, diesen Glauben zu reflektieren und in die Gegenwart zu übertragen. Das Problem der Schulen: Nur maximal 10 Prozent aller muslimischen Schülerinnen und Schüler erhalten ein Unterrichtsangebot. Das Problem der Gemeinden: Der Religionsunterricht in den Moscheen entspricht oft nicht den Lebenswelten junger Leute.

  • E&W: Wieso nicht?

Uçar: Teilweise haben wir es in Moscheen immer wieder mit extremistischen Grundhaltungen zu tun. Vor allem aber sind die religiösen Angebote pädagogisch und theologisch nicht auf der Höhe der Zeit.

  • E&W: Wer bestimmt denn über Inhalte des islamischen Religionsunterrichts?

Uçar: Theologische Inhalte werden von den Religionsgemeinschaften festgelegt. Bedingung: Sie müssen grundgesetzkonform sein. Den strukturellen Rahmen gibt der Staat vor. So ist die Rechtslage. Allerdings sind die islamischen Verbände – außer in Hessen – nicht als Religionsgemeinschaft, geschweige denn als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Das ist aber die Voraussetzung dafür, dass sie finanziell unabhängig werden.

  • E&W: Kritiker bezeichnen die DITIB – Kürzel für Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion – als verlängerten Arm der türkischen Regierung?

Uçar: Die Lage ist etwas kompliziert. In Deutschland ist der Staat weltanschaulich neutral. Er darf sich nicht in theologische Debatten einmischen. Entscheidend ist die Verfassungstreue einer Religionsgemeinschaft. Wie reformfreudig oder konservativ diese ist, bleibt deren Sache. Die Frage, die Sie ansprechen, ob eine Institution, die direkt als verlängerter Arm eines anderen Staates agiert, in einem Land als Religionsgemeinschaft anerkannt werden kann, ist juristisch zu klären.

  • E&W: Zwischen deutschem Staat und -islamischen Verbänden besteht in puncto Religionsunterricht eine sehr wechselhafte Beziehung – zurzeit ist eher ein Abwärtstrend zu beobachten: Hessen etwa prüft, ob es mit der DITIB in einem Beiratsmodell zusammenarbeitet, in Nordrhein-Westfalen muss der Verband seinen Sitz im Beirat ruhen lassen, Baden-Württemberg will das Beiratsmodell erst gar nicht übernehmen, in Niedersachsen gibt es auch Probleme.

Uçar: Es war schon immer bekannt, dass DITIB in einem engen Abhängigkeitsverhältnis zur türkischen Religionsbehörde Diyanet steht. Nur wie Politik und Verwaltung damit umgehen, ändert sich je nach politischer Großwetterlage. Viele Akteure in diesem Bereich haben aber die Lust daran verloren, über die Anerkennungsfrage zu streiten. Daraus ergeben sich Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit.

  • E&W: Die Länder wollen den Religionsunterricht nicht nur den Koranschulen überlassen.

Uçar: Wenn ein bekenntnisgebundener Religionsunterricht politisch nicht gewollt ist, sollte der Staat zumindest Islamkunde an Schulen anbieten – und zwar flächendeckend. Das Problem: Die DITIB ist der größte Player im religiösen Bereich, man kann sie nicht einfach ignorieren. Ich rate eher, den Verband über staatliche Sanktionsmöglichkeiten in die demokratische Mitte zurückzuholen.

  • E&W: Wo stehen die Muslime in Deutschland nach der vierten Deutschen Islamkonferenz (DIK) Ende vergangenen Jahres? Die erste hatte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) 2006 initiiert.

Uçar: Das Allerwichtigste: Staatliche und islamische Religionsvertreter kommen zusammen und diskutieren miteinander. Keine Selbstverständlichkeit. Dank der DIK gibt es heute an verschiedenen Universitäten Lehrstühle für islamische Theologie – zum Beispiel in Osnabrück. Und wir versuchen derzeit über die DIK, eine deutsche Imam-Ausbildung auf den Weg zu bringen.

  • E&W: Keine leichte Aufgabe …

Uçar: Die Imam-Ausbildung ist eine heikle Frage. Für manche Verbände stellt eine deutsche Ausbildung einen Angriff auf ihre Existenz dar, während andere sie unter der Bedingung befürworten, dass diese vollständig unter ihrer Ägide stattfindet. In Niedersachsen bemühen wir uns in Zusammenarbeit mit der DIK, neue Wege zu gehen.

  • E&W: Welche Konflikte gibt es?

Uçar: Die sind vor allem politischer, auch rechtlicher Art. Man streitet darüber, wer den Hut auf hat. Natürlich geht es dabei um die inhaltliche Ausrichtung, den politischen Einfluss.

  • E&W: Worüber streitet man konkret?

Uçar: Es gibt unterschiedliche Erwartungen der muslimischen Gemeinden. Den einen ist wichtig, dass eine Ausbildung angeboten wird, die ihren religiösen Vorstellungen entspricht. Andere wollen den Fokus auf das Pädagogische setzen, wieder andere sind bereit für theologische Öffnungsprozesse.

  • E&W: Wie versuchen Sie, sich da durchzumanövrieren?

Uçar (lacht): Das ist natürlich ein Minenfeld. In der jetzigen Phase der Verhandlungen möchte ich dazu nichts öffentlich sagen. Aber es ist wichtig, die Gemeinden ins Boot zu holen. Wir wollen ja Imame für ihre Moscheen auszubilden. Da können wir uns nicht erlauben, uns gegen sie zu positionieren. Derzeit arbeiten wir an einer Kompromissformel.

  • E&W: Worin sehen Sie die Vorzüge, Imame in Deutschland auszubilden?

Uçar: Hier ausgebildete Imame sind der Sprache mächtig, der Kultur verpflichtet, empfinden sich nicht als Fremde. Deshalb haben sie einen besseren Zugang zu jüngeren Gemeindemitgliedern, die hier aufgewachsen sind.

  • E&W: DITIB-Imame bleiben in der Regel fünf Jahre in Deutschland. Was bedeutet das?

Uçar: Sie bleiben Fremde unter Fremden. Damit tut sich Diyanet selbst keinen Gefallen. Das ist mittlerweile auch in Ankara angekommen. Andererseits kann man nicht von heute auf morgen die Einreise von Imamen, die die Diyanet schickt, verbieten, doch sollte man an Übergangsmodellen arbeiten. Es gibt mittlerweile viele deutsche Studierende, die in der Türkei oder anderen Ländern islamische Theologie studiert haben …

  • E&W: … die aber weiter am Gängelband der Diyanet blieben ...

Uçar: Absolut. Sie können nicht erwarten, dass die türkische Religionsbehörde ihren Einfluss auf die Imame in Deutschland aufgibt, wenn sie deren Ausbildung finanziert. Das Problem löst man nur über alternative Finanzierungsmodelle. Und da beißt sich, wie es so schön auf Deutsch heißt, die Katze in den Schwanz…

Organisierte Muslime: Geschätzte 20 bis 25 Prozent der Musliminnen und Muslime sind in Religionsgemeinschaften organisiert. Unter den rund 4,5 Millionen Muslimen in Deutschland sind zirka 40 bis 50 Prozent türkischer Herkunft, von denen wiederum etwa die Hälfte in der DITIB organisiert ist.

 

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