GEW Rheinland-Pfalz
Sie sind hier:

Lehrkräfte erkranken häufiger an Burnout

11.06.2018 - Dr. Paul Schwarz

Neben vielen anderen Einflussfaktoren wie Lärm, ungünstiges Raumklima und erhöhte Infektionsgefahren ist der Umgang mit psychischen Belastungen im schulischen Alltag ein relevantes Thema. Zunehmend wird hierfür der Begriff „Burnout“ verwendet.

Der 3. rheinland-pfälzische Tag der Schulgesundheit im Schloss Waldthausen in Budenheim befasste sich in mehreren Vorträgen mit „Burnout“ an der Schule: „Überforderung vermeiden, erkennen, begegnen“. Ergänzend dazu wurde die Wechselwirkung zwischen Arbeitsbedingungen und Psyche dargestellt. Als Hilfestellung zeigte die Tagung Maßnahmen auf sowie ein Projekt zur Förderung der psychischen Gesundheit in der Schule.

Nach Wegen suchen, dem Stress vorzubeugen

„Burnout“, so Prof. Dr. Stephan Letzel, Direktor des Instituts für Lehrergesundheit, sei ein „sehr plakativer Begriff“, weil er pauschal von der Belastung der Lehrenden spreche, aber wenig konkret, welche Belastungen in der Schule dafür verantwortlich seien und wie die Verantwortlichen mit diesen Belastungen umgehen sollen? Die Schule verändere sich ständig, z.B. durch neue Medien oder die Digitalisierung, auf die man die Lehrerschaft vorbereiten müsse. „Damit Burnout nicht aufkommt, müssen wir überlegen, wie wir Schule und Unterricht gestalten“.

Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig meinte in ihrem Grußwort, man könne über eine Gesellschaft viel lernen anhand der Gegenbewegungen, die sie hervorbringe, und verwies auf die Bahnhofsbuchhandlungen, wo die Titelblätter der Zeitschriften gerne zur inneren Revolution gegen den äußeren Streß aufriefen: Flow und Slow, Bewusster Leben. „Yoga Journal“ oder „Happinez“ und „Landlust“ hießen die Trendzeitschriften unserer Zeit.

Eine Menge Systemkritik also, die aber nicht nach außen gewandt sei, sondern nach innen. Die Menschen hofften nicht mehr auf Besserung der Gesellschaft, sondern auf Besserung in sich selbst. „Mindstyle ist der neue Lifestyl“. Das Außen werde als hektisch und stressig wahrgenommen, das Innere soll vor ihm beschützt werden. Hubig: „Stress scheint ein – negatives - Lebensgefühl unserer Zeit geworden zu sein, und die Menschen suchen nach Wegen, ihm vorzubeugen und zu begegnen.“

Der 3. Tag der Schulgesundheit greife den Auftrag auf, den oder die Einzelne(n) nicht alleine zu lassen mit dem Thema „Burnout“, sondern zu sensibilisieren und Wege aufzuzeigen, um Überforderungen zu vermeiden, zu erkennen und ihnen zu begegnen. Denn es sei der Landesregierung und auch den Menschen in unserem Land wichtig, dass Schule ein geschützter Lernraum sei, dass „Lernen und Lehren beste Bedingungen vorfinden und dass wir gesundheitlichen Belastungen an diesem Ort entgegenwirken“. Die Ministerin dankte ausdrücklich dem „bundesweit einzigartigen Institut für Lehrergesundheit“, dessen Leiter Prof. Letzel und seinen MitarbeiterInnen für die tägliche Arbeit an der Gesundheit der Lehrkräfte und für die so „hochkarätig besetzte Tagung“.

Deutschland liege im internationalen Vergleich beim Schulstress auf einem mittleren Rang, betonte der Prodekan für Forschung der Uni Mainz, Prof. Dr. Hansjörg Schild, in seinem Grußwort. SchülerInnen und LehrerInnen würden das freilich etwas anders sehen, da sie persönlich betroffen seien. Die Veranstaltung helfe, die Situation zu verbessern.

 

Wie äußert sich Burnout?

„Man muss nicht gebrannt haben, um ausgebrannt zu sein“. So begann Dipl.-Psychologe Till Beutel vom „Institut für Lehrergesundheit“ (IfL) in Mainz seine Ausführungen und definierte Burnout so: „Dauerhafter negativer arbeitsbezogener Seelenzustand normaler Individuen, gekennzeichnet durch Erschöpfung, gesunkene Motivation und die Entwicklung dysfunktionaler Einstellungen und Verhaltensweisen bei der Arbeit“. Arbeitsplatzfaktoren des Burnouts seien physikalisch-chemische Aspekte wie Lärm, Hitze, Kälte, organisatorische Bedingungen wie Arbeitsorganisation, Pausen, Fairness, Arbeitsmaterialien, Arbeitsaufgaben wie Handlungsspielraum, Feedback, Kontrolle, Zeitdruck, dauernde Erreichbarkeit sowie Faktoren auf der sozialen Ebene wie Teamklima, Anerkennung, Schülerrückmeldungen, Konflikte mit der Schulleitung. Äußern könne sich Burnout in einer depressiven Stimmung, einer Angststörung, Schlaf- und Essstörungen, innerer Leere und soziale Isolierung.

 

Körperlich fit, seelisch belastet

Den „Prozess zur Gefährdungsbeurteilung Wechselwirkung Arbeitsbedingungen und Psyche“ beschrieb Dipl. -Ing. Klaus Schöne aufgrund der Erfahrungen aus der Arbeit des „IlF“. Die Ausgangssituation: Laut einer aktuellen Studie seien Lehrkräfte sportlich, hätten seltener Übergewicht und rauchten halb so häufig wie die allgemeine Bevölkerung. Sie ließen sich zudem seltener krankschreiben als der Rest der Pflichtversicherten, auch die krankheitsbedingten Frühpensionierungen seien zurückgegangen. Jedoch: Die Pädagogen erkrankten häufiger an Burnout und psychischen Krankheiten als der Rest der Bevölkerung.

Nach dem Gesetz sei der Dienstherr verantwortlich für die 1. Erfassung und Bewertung arbeitsbedingter Gefährdungen und Belastungen. Zu berücksichtigen seien

1. physikalische, chemische, biologische Einwirkungen und Belastungen.

2. Die Durchführung erforderlicher Präventionsmaßnahmen.

3. Die Durchführung entsprechender Wirksamkeitskontrollen.

4. Die Dokumentation der Ergebnisse durchgeführter Gefährdungsbeurteilungen.

5. Die Anpassung der Beurteilung bei Änderungen.

 

Schöne: „Als Führungskraft vor Ort tragen die Schulleitungen die Hauptverantwortung im Bereich Gesundheitsschutz.“ Es folgten die Schulträger, der örtliche Personalrat sowie die Lehrkräfte und pädagogischen Fachkräfte.  Ein wichtiges Instrument zur Erfassung und Bewertung psychischer Belastungen sei eine standardisierte (schriftliche) Mitarbeiterbefragung oder zur Erfassung des individuellen Gesundheitsempfindens eine Online-Befragung aller an der Schule tätigen Personen.

Für die Hilfestellung solcher Befragungen stehe das „Institut für Lehrergesundheit“ bereit.

 

Kooperatives und differenziertes Lernen entlastet

Durch welche unterrichtlichen Maßnahmen kann die Überforderung der SchülerInnen verringert werden? Mit dieser Frage befasste sich Monika Jost vom „Pädagogischen Landesinstitut“. Was überfordert (gilt auch für LehrerInnen): Das Gefühl, dass Anforderungen gestellt werden, von denen ich denke, dass ich sie nicht erfüllen kann. Das Gefühl, nicht zu wissen, was von mir erwartet wird. Das Gefühl, nicht verstanden zu werden oder nicht so sein zu dürfen, wie ich bin.

Was man gegen Überforderung tun könne, sei z.B. das kooperative Lernen:  Alle SchülerInnen arbeiten allein. Sie haben dann die Möglichkeit, ihre Erkenntnisse mit dem eigenen Wissensnetz zu verknüpfen.  Sie tauschen sich mit Partner oder in der Kleingruppe aus. Sie vergleichen die Ergebnisse und diskutieren abweichende Resultate. Die Gruppenergebnisse werden vorgestellt und diskutiert, korrigiert. Der Vorteil des kooperativen Lernens: eine Entschleunigung für die SchülerInnen, aber auch Pausen für die Lehrkraft. Das Ergebnis von wissenschaftlichen Studien zeige, dass die kooperativen Lernarrangements das Selbstwertgefühl der Schüler verbessert. Monika Jost sprach dann noch über das differenzierte Lernen. Der Unterricht werde geöffnet. Wahlmöglichkeiten würden sich ergeben und unterschiedliche Zielsetzungen für unterschiedliche SchülerInnen ermöglicht. Beim differenzierten Lernen werde dem persönlichen Lernvermögen der SchülerInnen Rechnung getragen.

Burnout – ein Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen

„Stress ist Folge eines Ungleichgewichts zwischen äußeren Anforderungen und der Bewältigungsmöglichkeit“. Mit diesen Worten leitete Prof. Dr. M.E. Beutel seine Ausführungen über „Burnout“ ein. Die Zunahme von Stress sei vor allem im mittleren Lebensalter festzustellen. Die schulischen Anforderungen spielten aber auch den gesellschaftlichen Wandel mittelbar wieder: mehr tun und erleben in immer kürzerer Zeit. Hinzu kämen Termin- und Leistungsdruck, Multitasking, ständige Unterbrechungen, Erreichbarkeit, ständige Umstrukturierungen, fehlende Kontinuität. 5,3 Prozent der Frauen und 3,3 % der Männer seien mit Burnout diagnostiziert. Die Fehltage wegen Burnout seien seit 2004 um das 14fache gestiegen. Oft gebe es somatische Verlegenheitsdiagnosen (Unwohlsein, Rückenschmerzen, Schlafstörungen) oder keine Diagnose. Burnout-Symptome seien Risikofaktoren für psychische und körperliche Erkrankungen

Was tun gegen Burnout? Grenzen ziehen zwischen Arbeit und Freizeit, Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen, Pause und Regeneration, Sport gegen Stress und bessere Leistungsfähigkeit, Aufbau körperlicher Aktivität und gesunde Lebensweise, Abbau von Suchtmitteln. Das effektive Stressmanagement sehe so aus: Entspannungsverfahren erlernen und anwenden, soziale Unterstützung, neutrale Beratung, gezielte fachärztliche/psychotherapeutische Abklärung und Behandlung.

 

Die geschlauchten SchülerInnen

Sie kommen aus der Schule und lernen. Sie sagen Treffen mit Freunden ab und lernen. Für sie selbst zählt nur die Note Eins in jedem Test. In seinem Vortrag „Burnout bei Schülerinnen und Schülern“ betonte Prof. Dr Michael Huss, dass depressive und erschöpfte Kinder nicht immer in die normalen Kategorien des Burnouts passten. Huss brachte das „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“ ins Gespräch.  Dieser Begriff bezeichnet Eigenschaften einer Person, die zur Entwicklung einer Störung beitragen. Darunter verstehe man sozial unflexible, wenig angepasste und im Extrem normabweichende Verhaltensauffälligkeiten. „ADHS ist ein Risikofaktor für Depression“.

 

Zahl der depressiven Kinder und Jugendlichen verzehnfacht

Abschließend stellte Prof. Dr. Peter Paulus von der Leuphana-Universität in Lüneburg das Projekt „Mind Matters („Die Seele ist wichtig“) zur psychischen Gesundheit einer Schule vor. Die Ziele des Programms: Mit psychischer Gesundheit eine gute Schule entwickeln, Aufbau einer unterstützenden und fürsorglichen Schulkultur, mehr Respekt und Toleranz (Verschiedenheit als Bereicherung), Verbesserung von Lehre und Lernen sowie Steigerung der Bildungsqualität.

Paulus: „Psychische Gesundheit ist im Sinne von Mind Matters die Fähigkeit, sich kompetent mit den gesellschaftlichen Anforderungen auseinandersetzen zu können und im Leben auch eigene Wünsche, Bedürfnisse und Hoffnungen konstruktiv zu verwirklichen.“ Schülerinnen und Schüler seien in der Schule dann psychisch gesund, wenn sie sich durch die intellektuellen und sozialen Erfordernisse im Unterricht und im Schulleben angemessen gefordert fühlen und sich mit eigenen Ideen, Wünschen und Vorstellungen in den Unterricht und in das Schulleben einbringen könnten.

Ein Fünftel (20,2 Prozent) der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 - 17 Jahren können der Risikogruppe für psychische Auffälligkeiten zugerechnet werden. Jungen, so Paulus weiter, zeigten dabei signifikant häufigere Anzeichen für psychische Auffälligkeiten als Mädchen (23,4 vs. 16,9 Prozent). Je höher der soziale Status der Herkunftsfamilie sei, desto geringer sei der Anteil der Kinder mit sozialen Auffälligkeiten. Und noch eine Zahl: Die Anzahl der vollstationär im Krankenhaus wegen einer Depression behandelten Patienten unter 15-Jährigen habe sich seit 2000 mehr als verzehnfacht, nämlich 410 auf 4605 Fälle (Statistisches Bundesamt 2015).

 

Rückmeldungen der TagungsteilnehmerInnen

Eine informative Tagung, aber zu monologistisch, zu viele Vorträge, die TeilnehmerInnen konnten sich über konkrete Erfahrungen im Kollegium zu wenig austauschen, mehr Gruppenarbeit über konkrete Belastungen vor Ort wären besser gewesen, als sich fast ständig auf der Metaebene, z.T. sehr abstrakt, zu äußern.

Hier ein paar Äußerungen von Kolleginnen, wo der gesundheitliche Schuh drückt:

Die Aufgabe der FörderschullehrerInnen in Schwerpunktschulen sei zu ungenau, die Verantwortung liege weiterhin bei den GrundschullehrerInnen. Die schlechtere Bezahlung empfinden die KollegInnen als ungerecht und nicht mehr zeitgemäß. Die Inklusion gehe auf Kosten der Lehrkräfte, die finanziellen Mittel reichten nicht aus, um ein sinnvolles Konzept umzusetzen, das weniger belaste als zur Zeit.

Der Elternwille werde in den Schulen immer dominanter. Fachlich kompetente Entscheidungen von LehrerInnen würden oft von Eltern in Frage gestellt. Die Kompetenz werde den Lehrkräften nicht zugestanden. Beklagt wurde auch der zu hohe Geräuschpegel und die oft schlechte Schallisolierung der Klassenräume. Die Lehrpläne seien zu voll, die Ziele kaum erreichbar. Wie fangen wir die erzieherischen Defizite der Kinder auf – ohne zusätzliche Unterstützung und ohne die Vermittlung des Lehrstoffes zu vernachlässigen, wurde am Rande der Tagung immer wieder gefragt. Die Lehrkräfteausbildung müsse ein verpflichtendes Modul anbieten, um die Kompetenz zu erlangen, Deutsch als Zweitsprache zu unterrichten.

Zurück