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Gewaltige Umstrukturierungsmaßnahmen

Die Landesregierung konfrontiert die Berufsbildenden Schulen mit Plänen gewaltiger Umstrukturierungsmaßnahmen. Besonders die Höheren Berufsfachschulen (HBF) stehen hierbei im Fokus der politischen Überlegungen.

03.04.2017 - LFG Berufsbildende Schulen / VB berufliche Bildung und Weiterbildung - aus GEW-Zeitung 4/2016

Über die uns bekannten Eckdaten der Planung möchten wirinformieren und hoffen im Sinne eines partizipativen Prozesses auf Rückmeldungen von der Basis. Pädagogisch sinnvollen Modifikationen stehen wir nicht im Wege. Jedoch dürfen Änderungen nicht zu reinen Einsparungsmaßnahmen verkommen und auch nicht einseitig zu Lasten des berufsbildenden Systems gehen! Dass die große Zahl an Fachrichtungen der HBF zusammengelegt und damit reduziert werden soll, trägt durchaus der Lebenswirklichkeit und der Situation von Arbeitsmarkt und Wirtschaft Rechnung. Die GEW verschließt sich nicht Anpassungen auf der Grundlage einer Evaluation des Status quo.

Wir fordern jedoch eine behutsame Vorgehensweise und eine Berücksichtigung von regionalen Gegebenheiten der Schullandschaft und lokalen Bedürfnissen der Wirtschaft.

Wir begrüßen, dass bei der angedachten Umstrukturierung der HBF, im Gegensatz zu früheren Überlegungen, nun auf einen spezifischen Notendurchschnitt als Aufnahmevoraussetzung verzichtet werden soll. Dies sehen wir als Bildungs- und Qualifizierungschance für an diesem Bildungsgang interessierte Schülerinnen und Schüler.

Als sinnvoll und für die Höhere Berufsfachschule zukunftsweisend würden wir die (Wieder-)Einführung eines Wahlunterrichts, um die Möglichkeit des Fachhochschulreifeerwerbs zu eröffnen, sehen, aber nur wenn die unterrichtlichen und zeitlichen Rahmenbedingungen entsprechend gut ausgestaltet sind.

Die (künstliche) Abspaltung des Fachhochschulreife-Unterrichts in eine Duale Berufsoberschule (DBOS) entspricht nicht einem attraktiven Schulangebot und stellt eine zusätzliche Hürde und Belastung für die Schülerinnen und Schüler dar. Die Schulen müssen die Möglichkeiten erhalten, den Fachhochschulreife-Unterricht pädagogisch sinnvoll und in bewährter Qualität anbieten zu können. Er darf nicht, im Interesse der lernwilligen Schülerinnen und Schüler, in die Randstunden am späten Nachmittag oder gar Abend gelegt werden. Ganz zu schweigen von der unzumutbaren Belastung, für die zum Teil noch minderjährigen Schülerinnen und Schüler, die z. T. auf den öffentlichen Personennahverkehr angewiesen sind. Ein so geartetes Erschweren, die Fachhochschulreife überhaupt erlangen zu können, würde den Grundgedanken dieses Bildungsganges, nämlich eine zweite Bildungschance zu eröffnen, konterkarieren und somit das Ziel der Bildungsgerechtigkeit verfehlen.

Uns ist bewusst, dass die HBF-Reform auf die Empfehlungen der Expertengruppe zur strukturellen Weiterentwicklung der Berufsbildenden Schulen zurückgeht. Die damalige Ministerin, Frau Doris Ahnen, hatte die Expertengruppe mit der Entwicklung realitätsnaher Leitlinien zur Sicherung einer zukunftsfähigen und leistungsstarken Berufsbildenden Schule beauftragt. Unter Punkt 10 wurde eine Anpassung des Bildungs- und Qualifizierungsangebotes der HBF an die geänderten Nachfragestrukturen sowie die demografische Entwicklung festgelegt. Hier war nicht die Rede von einer Rücknahme oder Leistungsschwächung des Bildungsangebotes der HBF! Die geplanten Änderungen stehen im Widerspruch zu der Beauftragung und der Formulierung im Expertenpapier.

Maßnahmen, wie die vollzogene Ausgliederung der Fachoberschulen aus den Berufsbildenden Schulen haben sich in Teilen nicht bewährt und stellen aus Sicht der beruflichen Bildung einen systemischen Widerspruch dar. Dass nun, unabhängig von der Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die Fachoberschulen eine zweite Fachrichtung anbieten können, verschärft diese Problematik. Die Erfahrung zeigt, dass die berufliche Orientierung und Qualifizierung an Berufsbildenden Schulen weitaus besser gelingt, da hier eine enge Vernetzung mit Handwerk, Industrie und Wirtschaft traditionell und aktuell gegeben ist.

Daher steigt die Bereitschaft der Absolventinnen und Absolventen den Weg eines direkten Übergangs in eine berufliche Laufbahn zu wählen. Dies ist ein wesentlicher Beitrag des Berufsbildenden Systems, um dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Diese spezifische Leistung wird aus Sicht der GEW politisch nicht ausreichend beachtet.

Die Berufsbildenden Schulen haben über Jahrzehnte ein weltweit anerkanntes Knowhow in der Ausbildung qualifizierter Fachkräfte entwickelt. Das Duale System in seiner heutigen Form geht über die Berufsschule hinaus und schöpft ihren Mehrwert aus dem ineinandergreifenden Angebot von berufsbezogenen und allgemeinbildenden Inhalten. Die modernen Berufsbildenden Schulen sind eine Stätte des lebenslangen Lernens durch Aus- und Weiterbildung – immer nahe an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedürfnissen. Solch ein international geschätztes Schulsystem sollte nicht ohne Not gefährdet werden!