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GEW-Redakteur Günter Helfrich im Gespräch mit Prof. Dr. Volker Lingnau von der TU KL

24.02.2018

Ein Artikel über „Psychopathen in Nadelstreifen“ im Wirtschaftsteil der „Rheinpfalz“ und dazu noch ein kluger Kommentar auf Seite 2: Das hat sicher nicht nur bei uns für Aufsehen gesorgt. Wie waren die Reaktionen auf die Veröffentlichungen? "Ich bin tatsächlich von vielen Menschen auf die Studie angesprochen worden. Es kamen auch zum Teil sehr persönliche Berichte über Erlebnisse im Job, die genau zu den Ergebnissen unserer Untersuchung passen."

Und wie reagiert die Fachwelt, für die eigentlich doch nur Veröffentlichungen in den angesehenen internationalen Journalen zählen. Neid? Nasenrümpfen?

(Lacht) Das Naserümpfen sehe ich ja nicht und Neid ist angeblich die ehrlichste Form der Anerkennung. Das Ganze ist ja aber nicht „nur" eine populärwissenschaftliche Veröffentlichung, die einige Aufmerksamkeit erregt hat, sondern wir haben unsere Ergebnisse in einer hoch angesehenen internationalen Fachzeitschrift publiziert. Das wird dann auch in der Fachwelt registriert. Da es aber bei diesen Zeitschriften typischerweise mehr als ein Jahr dauert, bis ein Beitrag erscheint, müssen wir uns noch etwas gedulden, bis wir erfahren, welche wissenschaftliche Resonanz unsere Ergebnisse haben werden.

Das spannende Thema bewegt sich ja im Grenzbereich Ökonomie / Psychologie. Ist Ihr Team entsprechend zusammengesetzt? Sie sind ja Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmensrechnung und Controlling der TU Kaiserslautern.

Controlling hat - sehr allgemein gesagt - etwas mit Entscheidungsunterstützung und Entscheidungsbeeinflussung zu tun. Mich interessiert dabei das reale Entscheidungsverhalten von Menschen in Unternehmen und weniger theoretische, realitätsferne Modelle von angeblich optimalen Entscheidungen. Um das zu untersuchen, habe ich vor 10 Jahren begonnen, auch Psychologen und andere Sozialwissenschaftler in mein Team aufzunehmen.

Wie lassen sich „Psychopathen in Nadelstreifen“ charakterisieren?

Wenn wir an Psychopathen denken, denken wir an Schwerverbrecher und grausames Serienkiller, die jederzeit zuschlagen können. Wir erinnern uns an den Kannibalen Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ oder den duschende Frauen erdolchenden Norman Bates in Psycho. Und unter einem „Psychopathen in Nadelstreifen“ stellen wir uns im Zweifel Christian Bale als Patrick Bateman in „American Psycho“ vor. Die Psychopathen in Nadelstreifen, von denen wir reden, gehören nicht zu dieser Kategorie. Es handelt sich vielmehr um so genannte Faktor-1-Psychopathen. Diese sind in erster Linie sehr rational handelnde, sehr kalte, sehr egoistische, emotionslose Menschen, die nur ihren eigenen Nutzen, ihren eigenen Vorteil verfolgen. Ihnen fehlen dagegen die antisozialen Eigenschaften der schwerkriminellen Faktor-2-Psychopathen wie hohe Aggressivität und vielfache Kriminalität.

Wie gelingt es diesen Faktor-1-Psychopathen, in Führungspositionen zu kommen? Irgendetwas muss doch faul sein im Rekrutierungssystem.

Das war die Ausgangsfrage, die wir uns mal gestellt haben: Sind die eigentlich da oben, obwohl sie Psychopathen sind, oder gerade weil sie Psychopathen sind? Und ein Erklärungsansatz, den wir dafür haben, sind die sogenannten Anreizsysteme, die unter dem Stichwort Managerboni in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Diese Anreizsysteme bauen auf bestimmten Annahmen auf, einem bestimmten Menschenbild. Und dieses Menschenbild in den Anreizsystemen ist das Menschenbild in der Ökonomie. Demnach haben Menschen grundsätzlich nur den eigenen Nutzen im Auge, wollen diesen Nutzen maximieren und agieren vollständig rational und damit gefühlskalt. Und interessanterweise sind die Eigenschaften dieses Menschenbildes, des sogenannten Homo oeconomicus, nahezu deckungsgleich mit den Eigenschaften dieser Faktor-1-Psychopathen. Also Psychopathen steigen auf, weil sie Psychopathen sind, denn ihre Eigenschaften werden von den Anreizsystemen unterstützt und belohnt. Hinzu kommt, dass diese Psychopathen selbst für geschulte Gutachter nur sehr schwer zu erkennen sind. Denn die Faktor-1-Psychopathen sind auch Meister der Täuschung und der Manipulation. Sie haben häufig ein ausgesprochen charmantes und gewinnendes Auftreten.

Wie können die Psychopathen Unternehmen und gar der Gesellschaft schaden?

Weil es ihnen völlig egal ist, was mit dem Unternehmen passiert, solange sie einen kurzfristigen Vorteil davon haben. Sie sind sensationslüstern. Sie suchen den kurzfristigen Kick, nicht die langfristige Orientierung. Und durch Bestrafung lassen sie sich von ihren Taten nicht abschrecken. Das zeigt, dass ein Unternehmen höchst gefährdet ist, weil es dem Psychopathen egal ist, ob das Unternehmen an die Wand fährt oder nicht, solange er – etwas salopp gesagt – seinen Spaß hat. Und wenn wir uns Unternehmenspleiten anschauen, die höchst wahrscheinlich durch Psychopathen verursacht wurden, dann ist klar, dass davon zuallererst natürlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen sind, die ihre Arbeitsplätze verloren haben.

Im Öffentlichen Dienst tragen die Psychopathen auf der Führungsebene selten Nadelstreifen, sondern oft Jeans und bunte Hemden mit scheckigen Krawatten. Das Problem ist gleich. Inwiefern lassen sich Ihre Ergebnisse auf unseren Bereich übertragen? Die GEW-Mitglieder arbeiten ja nicht nur in Schulen, sondern in Kitas, Jugendämtern, Hochschulen, Weiterbildungseinrichtungen und so weiter.

Grundsätzlich gilt: Je traditioneller, ja bürokratischer die Organisationsstrukturen sind, desto uninteressanter ist die entsprechende Organisation für Psychopathen. Das heißt aber auch: Der Umbau des Öffentlichen Dienstes hin zu dynamischen, leistungs- und marktorientierten Strukturen - oder wie immer die entsprechenden „Zauberworte" lauten mögen - macht den Öffentlichen Dienst zunehmend interessanter für Psychopathen. Mir ist allerdings bislang keine Untersuchung bekannt, wie stark dieser Effekt ist.

Opfer sind insbesondere die Beschäftigten. Als Reaktionen hören wir von Frühpensionierungen, Versetzungsanträgen, innerer Emigration, Dienst nach Vorschrift. Das kann doch nicht die Lösung sein? Was raten Sie den Opfern?

Zunächst muss man sagen, dass nicht jeder schlechte Vorgesetzte (was immer man darunter genau verstehen mag), ein Psychopath ist. Außerdem ist die Grenze zwischen den vielfach gewünschten Eigenschaften einer Führungskraft - wie Durchsetzungsfähigkeit - und der psychopathischen Ausprägung dieser Eigenschaft fließend. Wenn jemand allerdings tatsächlich einen Psychopathen zum Chef hat (Frauen sind hier interessanterweise deutlich unterrepräsentiert), dann gibt es von Fachleuten nur einen relativ ernüchternden Rat: „Sehen Sie zu, dass Sie aus dem Bereich des Psychopathen wegkommen. Alleine haben Sie keine Chance gegen diesen Menschen!" Es ist daher wichtig, dass nicht nur die Personalverantwortlichen, sondern insbesondere auch Personalräte und Gewerkschaften für das Thema sensibilisiert werden, damit die Betroffenen nicht alleine in ihrem dann nahezu aussichtslosen Kampf stehen.
 

Remarque soll mal gesagt haben: „Den wahren Charakter eines Menschen erkennt man erst dann, wenn er zum Vorgesetzten wird.“ Aber wie wird man sie wieder los, wenn sie sich als Psychopathen entpuppt haben? Die Entscheider müssten dann ja Fehler eingestehen…

Es ist - insbesondere im Öffentlichen Dienst - ausgesprochen schwer, derartige Führungskräfte loszuwerden. Selbst wenn diese Krankheit - und um eine solche handelt es sich hier - diagnostiziert wird, stellt sich die Frage, ob man den entsprechenden Menschen krankheitsbedingt diskriminieren darf, wenn kein konkretes Fehlverhalten nachgewiesen werden kann. Und aus dem Bereich der kriminellen Psychopathen wissen wir, dass solche Diagnosen mit hohem Risiko behaftet sind, weil die Psychopathen eben auch Meister der Verstellung, des Lügens und Betrügens sind und selbst Psychiater mit jahrelanger und jahrzehntelanger Erfahrung immer wieder auf solche Typen reinfallen. Erfolgversprechender aus unserer Sicht ist es, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie für Psychopathen unattraktiv sind. Wenn sie also nicht den kurzfristigen Kick kriegen, kurzfristige Belohnungen bekommen, wenn sie sich auf Kosten anderer profilieren, dann wird das plötzlich für die unattraktiv.

Abschließende Frage: Bleiben Sie an dem Thema dran?

Ja, auf jeden Fall!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ausgabe GEW-Zeitung 2-3/2018

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