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Internationales Treffen "The Nordic Way" in Oslo GEW nimmt an Konferenz zum Thema Frühkindliche Bildung teil

Bereits seit vielen Jahren ist der „nordische Weg“ in der frühkindlichen Bildung in aller Munde und findet in vielen Diskursen immer mehr Anhänger. Mit mehr als 300 Teilnehmer*innen aus über 50 Nationen versprach die Konferenz „The Nordic Way“ deshalb die Besonderheiten dieser pädagogischen Haltung aufzuzeigen und im Austausch verschiedene internationale Perspektiven darauf einzubringen. Alessandro Novellino von der GEW Rheinland-Pfalz berichtet von der Konferenz in Oslo.

03.05.2019 - Alessandro Novellino

Konferenzbericht:

‘EARLY CHILDHOOD EDUCATION & CARE KONFERENZ „The Nordic Way“, Oslo 26.- 28.o3.2019

Ende März 2019 luden die Bildungsgewerkschaften BUPL (Dänemark), UTDANNINGS FORBUNDET (Norwegen) und LÄRARFÖRBUNDET (Schweden), gemeinsam mit den jeweiligen Bildungsministerien, nach Oslo/Norwegen zur „The Nordic Way“ Konferenz ein.

Die stellv. Vorsitzenden des Bundesfachgruppenausschuss Sozialpädagogische Berufe, Linda Engels aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen und der rheinland-pfälzische Kollege Alessandro Novellino konnten, gemeinsam mit den Vorsitzenden des Vorstandsbereiches Jugendhilfe, Björn Köhler, für die GEW teilnehmen.

Bereits seit vielen Jahren, ist der „nordische Weg“ in der frühkindlichen Bildung in aller Munde und findet in vielen Diskursen immer mehr Anhänger. Mit mehr als 300 Teilnehmer*innen aus über 50 Nationen versprach die Konferenz „The Nordic Way“ deshalb die Besonderheiten dieser pädagogischen Haltung aufzuzeigen und im Austausch verschiedene internationale Perspektiven darauf einzubringen.

Die Konferenz wurde von Jan Torre Sanner, dem norwegischen Bildungsminister gemeinsam mit Steffen Handal, dem Vorsitzenden der Bildungsgewerkschaft in Norwegen, eröffnet. Beide gingen in ihrer Begrüßung auf die politische Haltung der skandinavischen Länder zur frühkindlichen Bildung ausführlich ein und beleuchteten die wechselhafte Historie.  So galt und gilt diese als wichtige sozial- und familienpolitische Säule, welche anfänglich primär ein Angebot der evangelischen Kirchen war. Diese übernahmen dabei viele Impulse und Ideen des Pädagogen Friedrich Fröbel und etablierten damit die Bedeutung von Bildung und Pflege in der frühen Kindheit.

Anfang der 1930 Jahre wurde dieser Ansatz politisch aufgegriffen und das universelle Grundrecht auf (frühkindliche) Bildung als originäre Aufgabe eines Staates festgehalten. Dieser Blick in die Historie veranschaulichte deutlich die enge Vernetzung im Verständnis eines handlungsfähigen und wirkungsvollen Sozialstaat und der frühkindlichen Bildung, welche mit ihrem klaren Bild der Kindheit und der gewachsenen Strukturen der Kindertagesstätten die Chancen aktiv wahrnehmen, die wachsende gesellschaftliche Diversität mitzugestalten. Interessant dabei ist, dass trotz der unterschiedlichen gesellschaftlichen Transformationen in Schweden, Finnland, Dänemark, Island und Norwegen diese Bedeutung nie zur Disposition stand, sondern im Gegenteil, konstant weiterentwickelt wurde. Ein zentraler Aspekt dabei ist und war in allen Ländern auch der Anspruch, Frauen die Möglichkeit zu eröffnen, in den Arbeitsmarkt einzusteigen und Sorgeberechtigten eine Balance zwischen Familie und Beruf zu ermöglichen.

Dieser auf der Konferenz oft formulierte Anspruch wurde auch in der Podiumsdiskussion mit dem norwegischen Bildungsminister Jan Tore Sanner und der schwedischen Bildungsministerin Anna Ekström deutlich herausgearbeitet. Kindertagesstätten seien hierbei als Schaufenster unserer Gesellschaft zu verstehen, die den Kindern die Möglichkeit geben, die Gesellschaftsidee kennen zu lernen, artikulierte die Bildungsministerin. Ihr Amtskollege aus Norwegen ergänzte dabei, wer Chancengleichheit erhalten und ausbauen wolle, eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung benötige. Nur dies könne die Basis sein für Inklusion und Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander.

Dafür müssten Regierungen Geld in die Hand nehmen und öffentliche Mittel nachhaltig investieren.

Um diese Ziele in einer sich stetig in ihren Bedarfen und Anforderungen verändernden Gesellschaft gerecht werden zu können, haben die skandinavischen Länder frühzeitig ihre Schwerpunkte in den Bildungsplänen definiert und regelmäßig aktualisiert. Von besonderer Bedeutung sind hierbei das fördern sozialer Kompetenzen, demokratische Prozesse im Alltag erleben, Erfahrungen in der Natur und im Sozialraum sammeln und dem Spiel in allen Formen. Letzteres hat im skandinavischen Verständnis von frühkindlicher Bildung eine enorme Rolle. Dänemark hat hierzu einen „Kindergarten Act“ erlassen der festhält, dass Kinder Diversität, Respekt und Zusammenleben erfahren sollen. Dies soll aktiv in die Familien einwirken und eine gesamtgesellschaftliche Demokratiebildung fördern. Ein bedeutsamer Schritt für gelingende soziale Inklusion durch frühkindliche Bildung. Die Dynamik hinter den Bildungsplänen und ihren jeweiligen Schwerpunkten schilderte Jóhanna Einarsdóttir von der isländischen Universität, die in ihrem Vortrag auch die Verknüpfung zwischen der Qualität und der gesellschaftlichen Anerkennung herstellte. Dabei verwies sie auch auf die Dimensionen des Pflegebegriffes und plädierte, ähnlich wie der dänische Gewerkschaftskollege Stig Lund im kurzen, aber konstruktiven „Coffee Dialogue“ für eine Aufwertung dessen, da hier eine intensive Interaktionsqualität erfahrbar ist.

Die Frage der ganzheitlichen Haltung der skandinavischen Länder in der Thematik der frühkindlichen Bildung zog sich dabei inhaltlich wie ein roter Faden durch die gesamte Konferenz.  Diese Haltung, die das Spiel, Bildungsprozesse und Pflege verzahnt, kann als diametraler Gegenpol zum angelsächsischen Ansatz gesehen werden, welcher hauptsächlich die Frage nach der „Messbarkeit“ beantwortet wissen will. Dieser Unterschied in der Betrachtung von Bildung in der frühen Kindheit wurde durch Christian Eidevald von der Universität Göteborg aufgegriffen und mittels unterschiedlicher Beispiele aus der Praxis aufgezeigt.

In eine ähnliche Richtung argumentierte auch Prof. Iram Siraj von der Oxford Universität, die in ihrem provokanten und humorvollen Vortrag die Freiheiten im skandinavischen Modell hervorhob. Insbesondere die Bedeutung des Spieles, gerade des von ihr bezeichneten „risky play“ also dem körperbetonten Spiel, wäre aufgrund der strikten und oftmals einengenden Rechtsrahmen etwas Undenkbares in den meisten U.S. Amerikanischen Einrichtungen. Dies zeige eine äußerst kindzentriert Haltung auf, welche Entwicklungsmöglichkeiten zuließe, die durch das einschränken und eingreifen von Erwachsenen oftmals verhindert werden würde. Besonders in Zeiten häufiger (sozialer) Umbrüche sei das Spiel in seiner Bedeutung noch weiter zu bestärken und zu untersuchen, speziell im Kontext der Kulturvergleichenden Forschung.

Prof. Ingrid Pramling Samuelsson, ebenfalls von der Universität in Göteborg, gab dem Spiel ebenfalls einen großen Stellenwert und unterstrich, obwohl oft so benannt, es nicht „DAS Spiel“ gäbe, sondern vielfältigen Formen existieren würden, die alle miteinander betrachtet werden müssten da jede Variation unterschiedliche Anforderungen stellen würde. Des Weiteren sei zu überdenken, dass eben dieses Erlernen eines sozialen Miteinanders eine der zentralen Aufgaben von Fachkräften in den Einrichtungen ist. Sie warf auch die Frage auf, ob Kinder demnach auch „Pausen“ vom pädagogischen Alltag bräuchten und wie sich dies in den getakteten Tagesabläufen diverser Konzepte wiederfinden ließe.

Diese spannenden Fragen wurden in einer weiteren Podiumsdiskussion durch Prof. Emerita Berit Bae von der Metropolitan Universität in Oslo und Prof. Ellen Beate Sandseter von der Queen Maud Akademie der frühkindlichen Bildung erörtert. Im Fokus stand dabei die Frage nach der praktischen Bedeutung des Spiels in frühpädagogischen Einrichtungen. Prof. Bae erläuterte die gesellschaftliche Naturnähe der skandinavischen Länder, die in der frühkindlichen Bildung dadurch gespiegelt werden würde, dass viele Aktivitäten draußen im Sozialraum stattfinden. Es sei auch wichtig zu beachten, ergänzte Prof. Sandseter, dass das „Freispiel“ kein Ersatz für pädagogische Arbeit sein könne.

Kinder spielten je nach Sozialisation und Habitus unterschiedlich, es liege in der sensiblen und bewussten Wahrnehmung durch die Fachkräfte, dies zu erkennen und negative bzw. exkludierende Elemente auszuschließen oder zumindest zu minimieren. Hierfür wäre nach Auffassung von Prof. Bae ein auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtete, wissenschaftliche Betrachtung dringend notwendig und überfällig. Auch müsse man klären, ob der Begriff des „Freispiels“ im Kontext einer institutionalisierten und daraus resultierend auf Sicherheit basierenden Einrichtung überhaupt der richtige Begriff wäre. Beide wären sich jedoch in ihrer Auffassung einig, dass hier ein gewichtiger Baustein der skandinavischen Pädagogik liegt.

Paula Lehtomäki, Generalsekretärin des nordischen Ministerrates, führte in ihrem Input den Blick auf einen weiteren wichtigen pädagogischen Aspekt, der emotionale Bindung und Zugehörigkeit. Dieser elementare Baustein wird als Ausdruck einer Pädagogik der Menschenrechte verstanden und müsse auch als Grundlage einer sozialen Persönlichkeitsentwicklung verstanden werden, um seine Bedeutung in Gänze zu erfassen. Die individuellen Rechte jedes einzelnen Kindes stünden dabei in einem Spannungsfeld mit der im Gruppengefüge gelebten Solidarität, zwischen beiden Punkten ein Konsens zu finden sei alles andere als leicht und zeige auf, welche Leistung Kinder in Kindertageseinrichtungen vollbringen. Hierbei sei eine Unterstützung durch Fachkräfte von erheblichem Vorteil, um auch hier Exklusionsprozesse wahrzunehmen und zu minimieren.

Ebenfalls für Fachkräfte von Bedeutung sei der Umgang und die Perspektive auf Diversität, die sich in einer globalisierten Gesellschaft aufzeige. Insbesondere die Sprachbildung und der Umgang mit Sprachdiversität stelle hier die Grundlage für einen konstruktiven Umgang mit Diversität dar, stellte Prof. Anne Kultti aus Schweden fest. Die Mehrsprachigkeit als Lebenswirklichkeit anzuerkennen und anzunehmen sei dabei die zentrale Aufgabe, die durch Literacy und schriftsprachliche Bildungsangebote gefördert werden müsse. Es sei wichtig zu wissen, dass die Erstsprachkompetenz elementar wichtig in der Identitätsbildung sei, eine Erkenntnis die nicht nur in Skandinavien deutlich mehr beachtet werden sollte.

Dies ergänzte Anja Maria Pensch, die ihre Fallstudie für die „Artic University“ in Norwegen vorstellte. Darin verglich sie eine Kindertagesstätte in Norwegen mit einer in Deutschland und betrachtete den Umgang und die Erfahrungen der Fachkräfte, Kinder und Eltern mit Mehrsprachigkeit. Beachtenswert war dabei, dass obwohl in Norwegen ein ganzheitliches Bild vom Kind vermittelt wird, in ihrer Studie aufgezeigt wurde welche Herausforderung die Mehrsprachigkeit und die daraus resultierenden Anforderungen und Bedarfe, eine Herausforderung für die norwegischen Kolleg*innen darstellte. Diese schätzen zwar die Sprachkompetenzen als etwas positives ein, legten jedoch Wert darauf in den Einrichtungen ein homogenes Sprachumfeld zu erhalten. Im Gegensatz dazu griffen die Kolleg*innen in der deutschen Einrichtung die Mehrsprachigkeit der jeweiligen Kinder auf und (versuchten) diese in die Lebenswirklichkeit der Kindertagesstätte zu transportieren.

Ein bildungspolitisches Highlight der, in allen Aspekten sehr guten, Konferenz war mit Sicherheit die Podiumsdiskussion mit Susan Flocken von der ETUCE (europäischer Gewerkschaftsausschuss für Bildung) und Géraldine Libreau, Vorsitzende der Arbeitsgruppe zur frühkindlichen Bildung in der europäischen Kommission. Inhalt der Diskussion waren die europäischen Institutionen und ihre Perspektive bzw. ihr Verständnis von frühkindlicher Bildung. Beide bestätigten, dass es auf politischer Ebene noch zu viel Unwissenheit zur Bildung der frühen Kindheit gäbe und hier die Fachkräfte erheblich lauter werden müssten. Gèraldine Libreau zeigte des Weiteren auch den langjährigen Prozess auf, den es gebraucht hat um im Herbst 2018 die „Working Group Early Childhood Education“ zu implementieren und welche Arbeitsschwerpunkte dort behandelt werden.

Susan Flocken sprach die immer stärkere Privatisierung der Bildung und den europaweiten Mangel an Fachkräften in der gesamten Bildungskette an. Hier müsse zeitnah nachgesteuert werden, um soziale und ökonomische Ungleichheiten nicht weiter Boden zu bieten. Auch wäre es eine dringende Notwendigkeit, die Prozess- und Interaktionsqualität stärker in den Fokus zu nehmen. Kindern muss die Möglichkeit gegeben werden an alltäglichen Interaktionen zu partizipieren, so ihre eindringliche Botschaft.

Zum Abschluss der Konferenz faste der Generalsekretär des nordischen Lehrerrat, Anders Rusk, die diskutierten Punkte der Konferenz zusammen und beschrieb die Stolpersteine der Zukunft für die frühkindliche Bildung in Skandinavien und forderte ein Umdenken in der Art und Weise, wie Lernen in Kindertagesstätten und Schule gelebt werden würde.

Um Herausforderungen wie die der Automatisierung, der Migration, der wachsenden ökonomischen und sozialen Ungleichheit und die subjektiven Wahrnehmung von Sicherheit gewachsen zu sein bedürfe es qualifizierter und motivierter Fachkräfte, die ihrem Auftrag entsprechend die gesellschaftliche Wertschätzung erhalten die ihnen zusteht. Hier müsse es europaweit ein Umdenken geben und deutlich mehr in die Bildung und Pflege der Kinder investiert werden.

Für uns als Kolleg*innen aus den Kindertagesstätten und aktive Gewerkschafter in der GEW war die Konferenz ungemein bereichernd. Nicht nur aufgrund der vielen europäischen Kontakte die geknüpft werden konnten, insbesondere aufgrund des Einblickes in den „Nordic Way“ und dessen Besonderheiten, dem fachlichen Austausch und den vielen interessanten Gesprächen, war die Reise nach Oslo ein absoluter Gewinn.

Wir konnten sehen, dass die skandinavischen Länder in der frühkindlichen Bildung einiges richtig machen. Es gibt jedoch auch hier, das wurde im Austausch deutlich, einen großen Wunsch nach Vernetzung und mehr noch den Wunsch, aus dem „Nordic Way“ gemeinsam den „European Way“ zu gestalten.

 

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