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Der schwere Weg auf den Chefinnensessel

Mentoring, Quoten, geteilte Teamleitung: Bei der Weltfrauenkonferenz der Bildungsinternationale in Marrakesch haben Frauen aus 400 Gewerkschaften beraten, wie mehr leitende Positionen weiblich besetzt werden können.

05.03.2018 - Frauke Gützkow, GEW-Vorstandsmitglied Frauenpolitik

Um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, plädiert die Präsidentin der Bildungsinternationale (BI), Susan Hopgood, für mehr persönlichen Wissensaustausch. Mentoring sei entscheidend dafür, dass Frauen nicht nur in Spitzenämter gelangten, sondern dort auch blieben, sagte Hopgood bei der dritten Weltfrauenkonferenz der Bildungsinternationale mit dem Titel „Finding a Way through 'the Labyrinth': Women, Education, Unions and Leadership“ vom 5. bis 7. Februar in Marrakesch. Jede Frau sollte sowohl eine Mentorin für sich finden als auch einer anderen Frau beratend zur Seite stehen, empfahl sie. Bisher haben Gewerkschaften indes kaum Erfahrung mit Mentoring. In einem Workshop wurde in Marrakesch das GEW- Projekt „WechselWeise“ vorgestellt, bei dem jüngere und ältere Kolleginnen Tandems bilden.

Während des dreitägigen Treffens wurden Fragen thematisiert wie: Was wurde bereits erreicht, um Frauen zu ermöglichen, in Bildungseinrichtungen und -gewerkschaften die Leitung übernehmen? Welche Fähigkeiten müssen Frauen entwickeln, um gute Führungskräfte zu sein Welche Taktiken können sie nutzen, um das „Labyrinth“ dorthin zu durchdringen? Wie sehen die Realitäten der Bildungsarbeiterinnen weltweit aus, was erhoffen sie sich für die Zukunft? Und warum gibt es 2018 immer noch so wenige Frauen in Spitzenpositionen in den verschiedenen Bildungsbereichen und in Gewerkschaften?

Debatte über Quoten

Hopgood rief die Konferenzteilnehmerinnen auch dazu auf, Funktionen in Gewerkschaften und Bildungseinrichtungen zu übernehmen, um die Gleichstellung der Geschlechter aktiv voranzutreiben. BI-Generalsekretär Fred van Leeuwen sagte, auch in der Bildungsinternationale gebe es noch Handlungsbedarf. Nur wenige Mitgliedsorganisationen würden von Frauen geführt. Die österreichische Grünen-Politikerin Ulrike Lunacek, von Juli 2014 bis Oktober 2017 eine der 14 Vizepräsidentinnen und -präsidenten des Europäischen Parlaments, betonte in ihrer Eröffnungsrede, Frauen müssten auch stärker politische Führungsämter anstreben. Nur 6,6 Prozent aller Staatsoberhäupter und 7,3 Prozent der Regierungschefs seien Frauen.

Intensiv diskutiert wurde das Thema Quoten: „Wir brauchen Quoten, um Frauen in Führungspositionen zu bringen und sie dort zu halten“ war gleich am ersten Tag ein Workshop überschrieben. Quoten müssten jedoch dadurch unterstützt werden, dass Frauen stärker ermutigt und unterstützt würden, Führungspositionen zu übernehmen.

Führung und Zeitmanagement

Im Workshop „It’s time we moved on from single leadership models to collaborative leadership models“ waren sich unterdessen alle Teilnehmerinnen einig, dass kollaborative Teamführung das Modell der Zukunft sei. Das Aufteilen von Leitungsaufgaben ermögliche auch eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben und erfordere mehr Kommunikation, wovon alle profitierten. Der Workshop “Good leadership is not the same as strong leadership” machte deutlich: Eine gute Führungsposition erlangt Macht durch Zuspruch – was auch bedeute, dass sie nicht alles allein machen müsse. Eine Erkenntnis des Panels „Gender, Power, Leadership“ lautete, dass auch das Erzählen eigener Erlebnisse eine Führungsqualität sein könne: Persönliche Berichte brächten Aufmerksamkeit und suggerierten einen Wissensvorsprung.

Auch der Aspekt Zeit war immer wieder Thema. Auf die schwierige Balance von Arbeit, Familie und sozialem Leben fokussierte sich etwa der Workshop „Leading by Example: Work & Wellbeing“. Wer eine Führungsposition innehabe, müsse auch Herrscherin über ihre eigene Zeit sein, hieß es dort. Im Workshop „Vocational Education and Leadership“ ging es derweil auch um Probleme der beruflichen Bildung – die weltweit ähnlich sind: Es gibt viele Seiteneinsteigerinnen und –einsteiger ohne pädagogische Ausbildung, eine universitäre Ausbildung, die nicht auf den Alltag vorbereitet, außerdem Sexismus und Übergriffe. Geschlechterklischees und Rollenbilder erschweren das Arbeiten in der beruflichen Bildung vor allem für Frauen.

„Frauen sind nicht gleichberechtigt, weil es Gewalt gegen sie gibt, und es gibt Gewalt gegen sie, weil sie nicht gleichberechtigt sind.“

Darüber hinaus zeigte sich in Marrakesch die enorme Bedeutung des internationalen Austauschs und der Zusammenarbeit. Zwei türkische Kolleginnen der Gewerkschaft Egetim Sen schilderten die dramatischen Verschlechterungen für die Menschenrechtslage von Frauen in der Türkei seit Beginn der AKP-Regierung. An der BI-Weltfrauenkonferenz konnten die beiden Gewerkschafterinnen durch die Unterstützung der GEW teilnehmen.

Viel Raum nahm ferner die aktuelle Debatte über Sexismus und sexualisierte Gewalt ein: Bei dem Panel „#MeToo: Voices from the Education Union Movement“ stellten sich auch Frauen auf die Bühne, die selbst Opfer von Übergriffen und Vergewaltigungen geworden waren und von ihren Erfahrungen berichteten. Gerade Gewerkschaften müssten sich für gesetzliche Regelungen zum Schutz von Frauen einsetzen, hieß es. „Wir müssen Frauen stärken. Wir müssen mit Männern trainieren. Männer müssen verstehen, was sexuelle Gewalt anrichtet.“ Eine Konferenzteilnehmerin betonte: „Frauen sind nicht gleichberechtigt, weil es Gewalt gegen sie gibt, und es gibt Gewalt gegen sie, weil sie nicht gleichberechtigt sind.“ Mut mache indes, dass Lehrerinnen Einfluss hätten, ergänzte die rumänische FSLE-Gewerkschafterin Alexandra Cornea, Vizevorsitzende des Gleichstellungsausschusses der Europäischen Region der BI. Schließlich sei Bildung entscheidend für eine gewaltfreie Gesellschaft.

Die Bildungsinternationale ist die Stimme von Lehrkräften und anderen Bildungsbeschäftigten auf der ganzen Welt. Als Zusammenschluss von 396 Vereinigungen und Gewerkschaften in 171 Ländern und Territorien repräsentiert sie rund 32,5 Millionen Pädagoginnen und Pädagogen und unterstützt Fachkräfte in Bildungseinrichtungen von der frühen Kindheit bis zur Universität. Für die GEW nahmen fünf Kolleginnen an der Konferenz teil: Elke Gärtner, Bundesfrauenausschuss, HV-AG LSBTI (Baden-Württemberg), Kathrin Gröning, Fachgruppe Sozialpädagogische Berufe (Rheinland-Pfalz), Frauke Gützkow, Geschäftsführender Vorstand, Lisa Lewien, Bundesausschuss Junge GEW (Sachsen), Annett Lindner, Landesvorsitzende GEW Mecklenburg-Vorpommern.
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